Toralf Staud hat wohl eine der interessantesten Entdeckungen auf dem Gebiet der innerdeutschen Befindlichkeiten der letzten zehn Jahre gemacht. Und einen schönen Gedankengang entwickelt, der vieles, aber nicht alles erklärt. Es lohnt sich, bei diesem Essay anzusetzen und weiterzudenken. So wurde bei diesem Vergleich der Ostdeutschen mit der sozialen Schicht von Immigranten dem Einfluss der gemeinsamen deutschen Sprache und Geschichte bis 1945 nicht genügend Beachtung geschenkt.

Außerdem scheint mir auch die Unterscheidung zwischen Land und Staat sehr wichtig. Das Land, die Heimat ist geblieben, verloren haben die Ostdeutschen nur den Staat und dessen soziokulturelle, wirtschaftliche und rechtliche Sphäre. Die vertraute Umgebung der Städte und Dörfer hat sich ebenfalls in einem bisher unbekannten Tempo verändert. Übrigens nicht zum ersten Male in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Auch halte ich es für überdenkenswert, ob die Schicksale der Immigranten des 19. und 20. Jahrhunderts mit den modernen Migrationswellen - egal, ob in Europa oder Amerika - zu vergleichen sind.

Dennoch ist die Betrachtung der Ostdeutschen als Migrationsgemeinschaft faszinierend und tatsächlich hilfreich bei der Klärung so mancher Probleme oder auch nur Reaktionen.

Joern-Martin Becker Greifswald

Immigration ist der Zuzug in ein anderes Staatsgebiet zum Zwecke der ständigen Niederlassung, gewöhnlich mit der Absicht der Einbürgerung. Wir haben unsere Heimat aber nicht verlassen. Wir sind die Schwestern und Brüder im Osten unseres Heimatlandes, denen quasi über Nacht ein komplettes neues gesellschaftliches Umfeld übergestülpt wurde. In wenigen Stunden haben wir so viel "Reformen" und Veränderungen vollzogen, wie unsere Mitbürger im westlichen Teil des Landes in 40 Jahren Schritt für Schritt absolviert haben.

Die Entwertung unseres Humankapitals haben wir seit 1990 bereits zweimal mitgemacht. Zum ersten Mal beim Entwerten unserer Berufsabschlüsse im Rahmen der Einheit und zum zweiten Mal beim Gang in die Arbeitslosigkeit.