Spiel der Zuspitzungen und Zurücknahmen

Im ironischen Spiel von Erzählung und Essay kommt es zu Relativierungen der provokativsten Sätze des Buches. Ein jüdischer Dichter protestiert gegen den Vergleich von Tierschlachtungen mit dem Holocaust, Costellos Sohn setzt sich von seiner Mutter ab, und die Autorin selbst bekennt auf einer späteren Reise, ohne freilich etwas zurückzunehmen, sie sei da "einen Schritt zu weit" gegangen. Ihre moralische Ablehnung ästhetischer Gewaltdarstellung im Fall der Hitler-Attentäter erläutert Costello durch ihren eigenen Umgang mit der Erfahrung des nackten Bösen in einer Vergewaltigung. Nie habe sie jemandem ein Wort davon erzählt, denkt sie bei sich, um das Unreine nicht weiterzugeben; sie glaube nicht mehr ans "Geschichtenerzählen als gut in sich selbst".

Waren die Essays also gar nicht ernst gemeint? Spielt Coetzee einfach, zu seiner und unserer geistigen Anregung, Pingpong mit brisanter Ideenware? Ist der so ernste Coetzee unter die alerten Provokateure gegangen? Oder was ist sonst der Sinn dieser Provokationen mit Holocaust-Bezügen von fragwürdigem Geschmack?

Eine Antwort scheidet aus: Frivolität. Der Geist dieses Buches ist bei aller Ironie von großem Ernst. Die Mittelachse, um die sich das Spiel der Zuspitzungen und Zurücknahmen dreht, rotiert ohne jeden ironischen Rabat um die letzten Fragen unserer Kultur. Was ist besser, Schreiben (und wie?) oder Gutes tun (und welches?)? Und wenn wir das eine oder das andere tun, zu welchem Zweck sollen wir es tun? Nur zwischen diesen Polen bewegt sich die Ironie dieses Buches. Sollen wir Gutes tun wie Blanche, die Schwester Elizabeth Costellos, die als Nonne das diesseitige Leiden in einem jenseitigen Guten überwinden will? Oder so diesseitig wie Elizabeth selber, die, in einer der eindrücklichsten Szenen des Buches, einem sterbenden Krebskranken erst ihre Brüste zeigt und dann den Penis küsst.

Und sollen wir schreiben wie der Romancier, der das Satanische, Teuflische, Todverwandte von Hitlers Henkern darstellt? Oder schreiben wie Elizabeth Costello, die sich, im Glaubensbekenntnis, das sie zum Schluss vor den Kafkaschen Richtern abgibt, als ganz einem ewigen Leben Zugewandte zu erkennen gibt? Sie glaube an den Gesang der Frösche, die in der Flussgegend ihrer Kindheit nach jedem Regen mit "frohem Jauchzen" von den Toten auferstanden seien. Ihre Bücher enthielten keine Lehre und keine Predigt, sie sei einfach, mit einem Wort von Czes¬aw Mi¬osz, eine "Sekretärin des Unsichtbaren". Sie schreibe die Stimmen auf, die sie vernehme, wie Kafka die Stimme des Affen Rotpeter aufgeschrieben habe. Oder Camus den Schrei jener Henne, der seine Großmutter vor seinen Augen den Kopf absäbelte. "Der Todesschrei jener Henne prägte sich dem Jungen so nachhaltig ins Gedächtnis, dass er 1958 eine leidenschaftliche Streitschrift gegen die Guillotine verfasste. Zum Teil aufgrund dieser Schrift wurde die Todesstrafe in Frankreich abgeschafft. Wer will nun behaupten, dass die Henne nicht gesprochen hat?"

Die Annäherung der Menschen an die Tiere im Namen eines gemeinsamen Lebens und Leidens, das ist die eine Bewegung dieses Buches. Es redet als menschliches auch fürs außermenschliche Leben. Die andere Bewegung ist die hin zur Religion. Mit den Ausdrücken " exultation " und " resurrection" gibt Elizabeth Costello deutlich zu verstehen, dass sie ihr Schreiben in einem religiösen Horizont sieht. Ob ihr Vegetarismus aus "moralischer Überzeugung" komme, wird Costello beim Dinner nach einem Vortrag einmal gefragt. "Nein, er entspringt einem Verlangen, meine Seele zu retten", gibt sie zur Antwort.

Coetzee gießt kein Tröpfchen Spott auf diese Antwort. Und doch ironisiert er sie, in der speziellen Ironie dieses Buches, gleich doppelt. Das Religiöse wird hier in der postreligiösen Schreibart der Fiktion vorgetragen, für die eine wahre Bibelgläubige wie Elizabeths Schwester nur Verachtung übrig hat. Und die Vorstellung, die Stimme des Dichters komme aus dem "Mundstück des Göttlichen", der auch Costellos Sohn anhängt, ironisiert Coetzee durch eine geradezu anatomische Schilderung von Costellos schnarchendem Schlund beim Schlaf auf einem Heimflug.