Man liest nicht viele Bücher, in denen das Ethische und das Ästhetische sich wechselseitig so irritierend verstärken. Man darf an Dostojewskij denken, dem Coetzee ja in seinem Roman Der Meister von Petersburg ein Denkmal gesetzt hat. Vor allem aber sollte man an Schande denken, den Roman, der Coetzee in Deutschland am meisten Leser und Liebhaber gebracht hat. Denn Elizabeth Costello ist – auch hierin zeigt sich sein Ernst – nichts als die Fortsetzung von Schande mit anderen Mitteln. Es hebt die Motive, die dort noch fast ganz in der Fabel versenkt waren, ins helle Licht der intellektuellen Debatte. Schon Schande folgte der Bewegung vom Schreiben eines Literaturprofessors zur guten Tat des Hundepflegers, als welcher der Professor endet; der Bewegung auch von der Welt der spätkulturellen metropolitanen Menschen zu Menschen, die in demütiger Nachbarschaft mit räudigen Tieren leben. Schon Schande tat das, gar nicht so schwarz, wie immer gesagt wird, mit einem deutlich religiösen Ausklang und enthielt bereits einen provokativen Bezug auf den Holocaust – den man dem deutschen Publikum aufgrund einer Auslassung in der Übersetzung seltsamerweise vorenthalten hat.

Am Ende des Romans ist David Lurie, ein Literaturprofessor, der wegen sexuellen Missbrauchs einer Studentin seine Stelle verloren hat, in einer armseligen Tierklinik mit dem Umbringen ausgesetzter Tiere beschäftigt. Als im Roman zum ersten Mal von den Tiertötungen die Rede ist, vom Verschwinden- und Vergessenlassen von Hunden, heißt es: "What is being asked for is, in fact Lösung (German always to hand with an apropriately blank abstraction): sublimation, as alcohol is sublimed from water, leaving no residue, no aftertaste." In der deutschen Übersetzung wurden die Klammerbemerkung und die Kursivschreibung unterschlagen, es fehlt jeder Hinweis darauf, dass das Wort auch im Original deutsch ist, und es steht einfach ein völlig anderer Satz da: "Was man sucht, ist in Wirklichkeit eine Lösung, die das Tier erlöst und gleichzeitig in Rauch auflöst, wie sich eine Wolke am Himmel auflöst und verschwindet." Durch die Tilgung der deutschen Spur im Original und durch die Umschreibung des Satzes ist die Anspielung auf den Doppelsinn von Erlösung und Endlösung, um den es Coetzee in Schande wie in Elizabeth Costello offensichtlich geht, verwischt. Auch in Schande wird die Tierverbrennung mit unausgesprochenen Anspielungen auf die Krematorien des Holocaust beschrieben. Und zugleich geht in die Tiertötungen – genauso wie in Elizabeth Costello – der Hinweis auf die Seelenrettung ein. Bev Shaw, die Gründerin der Tierklinik, wird vom Literaturprofessor Lurie genauso mit einer indischen Priesterin verglichen wie Elizabeth Costello von ihrem Sohn John. In beiden Büchern ist von der Rechtfertigung der Seele am Tag des Jüngsten Gerichts die Rede.

Und in der riskantesten Passage des Romans stellt Coetzee Lurie beim Tieretöten als gewissermaßen erlöst dar. Lurie, der sich unter den Menschen fremd gefühlt hatte und dem die Sprache "verbraucht, mürbe, von innen her zerfressen" vorgekommen war, fühlt sich nun von seinem Lieblingshund "adoptiert", er spielt ihm, wie Orpheus mit der Lyra, mit seinem "Banjo" vor; und als er ihn töten muss, kommt ihm auch die Sprache wieder: "Er hat gelernt, seine ganze Aufmerksamkeit auf das Tier, das sie töten, zu konzentrieren und ihm das zu geben, was er nun ohne Mühe bei seinem richtigen Namen nennt: Liebe."

Man wird sich auf die abgründigen Spiele J.M. Coetzees mit Erlösung und Endlösung keinen schnellen und keinen einfachen Reim machen können. Es ist offenkundig, dass Coetzee in Schande wie in Elizabeth Costello zweimal mit großer Sympathie und mit tief verwandter Motivik Helden beschrieben hat, die sich vom Schreiben und von unserer Zivilisation mit metaphysischer Radikalität abwenden. Bereits Schande ging damit über einen kritischen politischen Südafrika-Roman weit hinaus. Und Elizabeth Costello bestätigt, dass Coetzee seit einigen Jahren – auch in seinen Essays, die sich mehr und mehr deutschen Themen zuwenden – an einer Kulturkritik arbeitet, die in seinen früheren Büchern noch nicht sichtbar war. Selten ist der Nobelpreis in letzter Zeit einem Autor zuerkannt worden, dessen Werk zur Zeit der Auszeichnung so sehr unterwegs zu etwas ganz Neuem war. Und selten durfte man daher auf eine Nobelpreisrede so gespannt sein wie auf die des J. M. Coetzee.

π J. M. Coetzee: Elizabeth Costello Eight Lessons; Secker & Warburg, London 2003; 233 S., 14,99 £ π Das Leben der Tiere Mit der Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie" von Franz Kafka; S. Fischer Frankfurt a. M. 2000; 95 S., 10,– ¤