Zwischen "Wäldern und Fachwerkhäusern, Bücherregalen und Fußballplatz" sei er aufgewachsen, schreibt Delius in seinem neuen Buch, und schon als Kind habe er "Dichter" werden wollen: eine deutsche Biografie. Wälder und Ökologie, Fachwerkhäuser und Geschichte, Bücherregale und Literatur, Fußballplatz und Fritz-Walter-Mythos – das sind bestimmende Themen geblieben im Leben des kürzlich 60 Jahre alt gewordenen Essayisten und Romanciers F.C. Delius. Nomen est omen: Nicht nur Geburts-, auch Namensadel verpflichtet. Delius, so steht es in den lateinischen Wörterbüchern, bedeutet vates, deus Apollo und leitet sich vom griechischen delos her. Das ist der Geburtsort Apollons, jenes Gottes, der auf dem Parnassos die Musen anführt. Vates, Sänger und Seher, zu sein, ist in pluralistischen Zeiten kein leichtes Geschäft, schon gar nicht, wenn im Schrecken von Wirtschaftskrisen, Terrorismus und Krieg die Musen zu verstummen drohen. Aber Apollon ist ein mächtiger Gott, der sich noch immer behauptet hat, und seine Anhänger sind nicht so leicht zum Schweigen zu bringen. In Rom, gleichsam im Schatten des Apollotempels, wurde Delius geboren, und Rom hat er inzwischen als Lieblingsstadt entdeckt und zum zweiten Wohnsitz gewählt.

Dem Leitfaden ist die zeitweilige örtliche Distanz seines Verfassers zu deutschen Verhältnissen gut bekommen. Delius hat essayistische Kurztexte zusammengestellt, die er im Lauf der Jahre in Magazinen und Journalen – unter anderem in der ZEIT – veröffentlichte: Satiren, Polemiken, Stellungnahmen, Erinnerungen und Reflexionen. Er hat die Sammlung nach Stichwörtern alphabetisch geordnet, und so ist der Band zur kleinen Enzyklopädie deutscher Sonderbarkeiten und Fehlentwicklungen geworden, aber auch zu einer Anthologie von Kommentaren, in denen die Arbeiten von Kollegen gewürdigt werden.

An der "fast neurotischen Unfähigkeit zu loben", die er dem deutschen Feuilleton anlastet, krankt Delius selbst nicht. Alfred Döblin sei ein Autor, der "Zerrissenheiten" und "Widersprüche nicht geleugnet" habe, ein Erzähler, dessen Werk in keine germanistische Schublade passe. Gerade weil der "für Ideologen unbrauchbare" Döblin nicht Schule gemacht habe, könne man von ihm lernen. Die Erinnerungen an Heiner Müller, den Delius als junger Verleger im Westen publizierte, gehören zu den schönsten Anekdoten im Buch. Delius schmuggelte in den siebziger Jahren die Texte des bewunderten Dramatikers und Whiskytrinkers vom Osten in den Westen Berlins. So habe "das dünne Papier der Manuskripte jedes Mal etwas Rückenschweiß" abbekommen. Vorbildlich findet er auch Wolfgang Koeppens Romane Das Treibhaus und Der Tod in Rom. Vergleichbar stark ist offenbar Heinar Kipphardts Einfluss auf ihn gewesen. Der habe sich emphatisch zur Schreib- und Leselust bekannt, weil beide Passionen gegen geistige Unterwerfung immunisierten. Mit dem Lob der Väter taten sich die 68er-Autoren bekanntlich schwer, aber bei Walter Höllerer machten sie eine Ausnahme. Während der frühen sechziger Jahre, berichtet Delius, sei er sich als Germanistikstudent an der Freien Universität Berlin verloren und verlassen vorgekommen. Im Höllerer-Seminar dagegen – an Berlins Technischer Universität – hätten er und seine Kommilitonen zum ersten Mal das Gefühl gehabt, "erwünscht und willkommen" zu sein. Höllerer habe ihnen auch gezeigt, dass es in der literarischen Werkstatt nicht bloß um das "Was", sondern auch um das "Wie", um Technik, Struktur und Machart gehe. Wenn Delius auf Nicolas Born zu sprechen kommt, mischt sich Trauer in die Erinnerung. Der nur fünf Jahre ältere Born starb 1979 mit 42 Jahren. Er sei der begabteste unter den zeitkritischen Autoren gewesen. Romane von der Qualität der Fälschung fehlten heute, und Delius ist sicher, dass Born nicht aufgehört hätte, "uns weitere Fälschungen vorzuhalten". Die Lektüre dieser Autoren – hinzu kommen Albert Camus, Umberto Eco, Milan Kundera, Salman Rushdie, Julio Cortázar, Carlos Fuentes – habe ihn von der produktiven Kraft des Zweifels überzeugt. "Wir Schreibenden leben vom Zweifel" ist Delius’ Credo. Schon früh identifizierte er sich mit Friedrich Schlegels These: "Jeder Satz, jedes Buch, so sich nicht selbst widerspricht, ist unvollständig." Beim Schriftsteller müssten Kritik und Zweifel durch den "universellen Blick auf die Menschen" ergänzt werden. Das ist ein altes Postulat, das in den Ästhetiken so oder ähnlich immer wieder auftaucht. Vielleicht hat Apollon seinen Schützlingen ja tatsächlich den olympischen Blick geschenkt. Bei allem Selbstbewusstsein ist Delius die überhebliche Dichter-als-Führer-Ideologie fremd. Schon der Titel des neuen Buches spielt selbstironisch auf die "Irrtümer" an, die in den zeitkritischen Analysen stecken.

Schriftsteller wären keine Intellektuellen, wenn sie nicht warnten, tadelten, klagten. An provokativem Elan hat es in Delius’ Büchern nie gefehlt. Wie in früheren Texten werden auch hier Missstände benannt, die in der bundesrepublikanischen Gesellschaft Anlass gaben zu Skepsis und Ärger, Unbehagen und Polemik, Depression und Revolte. Zu den Delius-Themen gehören: Arbeitslosigkeit und Globalisierung, Nazimentalität und Ausländerhass, Weltmeisterglaube und Korruption, Preußen-Nostalgie und ökonomische Ersatzreligion, Historikerstreit und Walser-/Bubis-Debatte, 68er-Generation und RAF, Fernsehen und neue Medien, Wiedervereinigung und Einheitsgewinnler.

Was internationale Entwicklungen betrifft, ist Delius ein illusionsloser Kommentator der europäischen Erweiterung, der Situation der so genannten Dritte-Welt-Länder und des 11. September. "Der Terror entwertet das Denken, Differenzieren und Schreiben, der Krieg ebenso", heißt es an einer Stelle. Dort zitiert er die Anfangs- und Schlusszeile "Es kommen härtere Tage" aus Ingeborg Bachmanns Gedicht Die gestundete Zeit.

Delius gehört nicht zur "Jammerfraktion" der deutschen Intellektuellen, und seinen Humor hat er nicht verloren. Eine ganze Reihe von Paradoxa sind wie diskursive Stolpersteine in den Leitfaden eingebaut. Einige Beispiele: "Die Berliner Türken werden vielleicht die letzten Preußen sein"; "Deutschland ist mit der Vereinigung kleiner, enger geworden"; "Die neue Grenzenlosigkeit produziert immer härtere Grenzen"; "Je reicher wir werden, desto mehr Verwahrlosung"; "Die technischen Bilder erleichtern alle Versuche, die Zuschauer mit Blindheit zu schlagen". Gut, dass es Kritiker gibt, die gegen "Gewissheitslümmel" opponieren und sich zur Maxime "Zweifel, Liebe, Hoffnung" bekennen. Apollon sei mit ihnen.