Während Dieter Bohlen offenbar nie genug Geld und Aufmerksamkeit bekommen kann, leidet ein anderer deutscher Sänger unter dem Gefühl übermäßigen Erfolges. Wolfgang Petry ("Hölle, Hölle, Hölle" – so ein Songtitel) plagt das schlechte Gewissen, weil er mit seinen Platten Millionen verdient hat. Er habe deswegen, verriet er der Zeitschrift "Meine Melodie", sogar schon einen Psychologen konsultiert. Warum nicht gleich den Ethikrat?

Manchmal ist auch der Ethikrat nur ein Mensch. Das mag man daran ermessen, wie sehr ihn die Kunde vom, im Wortsinne, verdienten Unglück des Herrn Petry bekümmert hat. Die Tragik des Falles ist aber auch zu arg. Dieser grundsympathische Schnauzbart stöhnt unter dem Gewicht einer Platinumcard wie die alten Spartaner unter ihrem Eisengeld.

So was gönnt man seinem ärgsten Feinde nicht. Und schon gar nicht einem Mann, dem die Welt das platonische Ideal des ehrlichen Rockarbeiters verdankt und der doch eigentlich die wohl verdienten Früchte seiner ehrlichen Rockarbeit ohne Skrupel genießen sollte. Aber es ist wohl so, wie Nietzsche sagt: "Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe hinaus."

Ist nicht die Tatsache, dass Herr Petry seinen inneren Schweinehund überwunden und das Geld seiner Fans, welches er bis dahin nur treuhänderisch zu verwalten glaubte, zu einem gewerbsmäßigen Psychologen getragen hat, der gewiss nicht von gleicher Kraft in Sachen der pekuniären Selbstverleugnung ist wie der Sänger – ist also dies nicht Beweis genug für die Echtheit der Petryschen Verzweiflung? Außerdem: Wer würde schon bloß aus Imagegründen solch zeit- und kraftraubende Therapiearbeit ausgerechnet dann auf sich nehmen, wenn seine Deuschlandtournee und dazu noch die Veröffentlichung einer neuen CD kurz bevorstehen?

Nein, in der Welt des Schlagers, dieser Welt der "mit sich einigen Egoisten" (Stirner), in der ein jeder "mit gold’nen Rücksichtslosigkeiten" (Storm) seine Scheuer zu füllen trachtet, ist Petry wirklich der einzige Aufrechte, ein wahrer Cato, vox populi im Schlabberhemd, der das Brot des kleinen Mannes isst, wie Letzterer ehrliche Arbeit verrichtet und mit ihm seine Lieder von enttäuschter Hoffnung singt. Ach! gäbe es einen Gott, wie könnte er zulassen, dass dieser Einzige so unbarmherzig mit Eigentum bestraft wird! Doch zuletzt entspricht all dies wohl einer gewissen höheren Logik; wahrscheinlich kann die Musikindustrie einen Petry langfristig einfach nicht verkraften. Da liegt es nahe, ihm qua Kleingedrucktem schnell ein paar Milliönchen mehr unterzujubeln.

Der Mann hat also wirklich Probleme. Und zwar ernste. Da ist es nun des Ethikrates heilige Pflicht, eine Lanze für die Selbstlosigkeit zu brechen und dem Armen den Weg aus der Hölle des Wohlstands aufzuzeigen. Natürlich unentgeltlich.