Diese Tage sind Tage der Verwirrung, Tage, an denen einem heiß oder kalt wird, die einen in den Wahnsinn treiben können, je nachdem, ob man zu dünn oder zu dick angezogen ist. Doch so muss es nicht sein. Nicht immer. Nach dem Aufstehen, beim ersten Blick aus dem Fenster, lassen sich schon wertvolle Informationen sammeln: Ist der Himmel bewölkt? Blau? Dunkel? Sie haben Recht: Das sagt über die Temperatur rein gar nichts aus.

Ein wichtigerer Anhaltspunkt ist das Thermometer; allerdings gehen schätzungsweise 75 Prozent der Thermometer vor deutschen Fenstern falsch (vermutlich fällt Ihnen mehr als ein Tag ein, an dem Sie deshalb gezwungen waren, sich auf dem Weg zur Arbeit durch hektische Bewegungen warm zu halten oder die hinter Ihrem daunenbejackten Rücken kichernden T-Shirt-Träger zu ignorieren). Bei der Risikostreuung hilft es, zwei bis vier Thermometer vor zwei bis vier Fenstern zu haben, inklusive Wetterstation auf dem Nachttisch, und beim Frühstück im Kreis der genervten Familie einen Mittelwert zu errechnen. Doch mit der tatsächlichen Temperatur auf der windigen Straße oder im schwülen Buswartehäuschen hat auch das noch wenig zu tun.

Überprüfen Sie Ihr Ergebnis mithilfe des Wetterberichts im Radio (bedenken Sie allerdings, dass Privatradiomoderatoren aus Sparsamkeitsgründen dazu neigen, ein Thermometer vors Studiofenster zu hängen): Ähneln die Werte einander nicht, ist dies verdächtig, ähneln sie einander, ebenso. Früher erfuhr man aus dem Radio noch die gefühlte Temperatur, doch zu den Entlassungsopfern der letzten Zeit gehören offensichtlich auch Heerscharen einst durch die Straßen patrouillierender Temperaturtester: Wer Gewissheit haben will, muss selber fühlen.

Gehen Sie also besser leicht bekleidet auf dem Balkon auf und ab, bis Ihre Gliedmaßen sich der Außentemperatur angepasst haben. Frösteln Sie dann, legen Sie eine zusätzliche Schicht Kleidung an. Fahren Sie damit so lange fort, bis Sie nicht mehr frösteln (denken Sie daran, der Prozedur entsprechend früher aufzustehen). Haben Sie keinen Balkon, öffnen Sie das Fenster, und lehnen Sie sich weit hinaus (falls Sie zu Schlaftrunkenheit oder Schwindel neigen: Es gibt Geschirre für Bergsteiger, die sich mit Karabinerhaken an Fensterbrett oder Bett befestigen lassen).

Allerdings, jeder kann sich irren: Haben Sie Blick auf eine Straße, führen Sie sicherheitshalber noch eine Erhebung durch: Wie ist die Mehrzahl der Passanten angezogen, und wäre das auch Ihre Wahl gewesen? Vergessen Sie nicht die Gegenprobe: Sehen die derart Gekleideten auch mehrheitlich zufrieden aus – oder gibt es (typisch bei tückischem Wetter) eine kleinere Gruppe anders Angezogener, die auffällig zufriedener wirkt? Sehen Sie gar Angehörige der ersten, größeren Gruppe, die sich auf offener Straße Kleidungsstücke vom Leib reißen oder, scheinbar grundlos vor sich hin schimpfend, unvermittelt umkehren?

Als letzte Entscheidungshilfe empfiehlt sich ein Anruf auf dem Handy eines Bekannten, der bereits unterwegs ist. Fragen Sie etwas zum gestrigen Fußballspiel, und erkundigen Sie sich dann ganz nebenbei, was er anhat und ob ihm heiß oder kalt ist. Einfacher noch, bilden Sie mit anderen Betroffenen eine Telefonkette: Wer als Erstes aus dem Haus geht, informiert die anderen ("Schwitze in Mantel und Pullover wie ein Schwein!").

Dann, endlich, können Sie richtig gekleidet aus dem Haus gehen. Vermutlich werden Sie überrascht sein.