In engen Friseurstuben geben sich dunkelhaarige Männer der Rasur hin, die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelegt. Gebrauchtwarenhändler bieten auf den Bürgersteigen abgenutzte Kinderwagen und ausgediente Computer feil. Ein Souterrain-Puff verspricht "Tai-Fun", das Möbelhaus Hoeffner in der Pankstraße setzt eine gewichtige Marke bürgerlicher Solidität in die verarmte Gegend. Wie ein vergessenes Praliné in einer Konfektschachtel, die mit Drops aufgefüllt wurde, liegt die Confiserie Reichert im Wedding. In diese Art Café ging meine Mutter mit mir konditern, als ich Kind war. Gleich hinter der Schwingtür sitzt auf einem braunen Sofa eine korpulente Frau mit mondweichem Gesicht und wickelt die Reste ihres Frühstücks in Papierservietten. Sie wähle ich aus, sie wird meine Bekanntschaft, es ist zwölf Uhr mittags. Ihre dunklen Augen blicken irritiert: Ich habe nichts zu erzählen, sagt sie.

Das Café ist lang und schmal, die mit künstlichen Blattpflanzen geschmückten Fenster gehen zum Hof raus, die Marmortische haben gusseiserne Füße. Braunes Holz, braune Polster, braune Lampen. Seit 1892 ist das hier so. So oder so ähnlich. Ich habe 32 Jahre in Australien gelebt, sagt Frau Maleika, wir wollten eigentlich nur mal gucken und sind dageblieben. In einer Fruchtfabrik habe ich Früchte in Dosen sortiert, Pfirsiche, Nektarinen, Aprikosen; die Augen gingen nur so hin und her am Fließband. Ich hatte Heimweh, die ganze Zeit Heimweh, aber meinem Mann gefiel das Klima in Adelaide. Unsere australischen Freunde waren wild auf die Kartoffelpuffer, die mein Mann machte, besonders Heather, die Nachbarin. Frau Maleika nippt an ihrem Kaffee: Ihren Beruf möchte ich nicht haben, sagt sie unverhofft, wildfremde Leute ansprechen wär nichts für mich.

Im Café Reichert halten sich um diese Zeit ausschließlich Frauen auf. Eine Dame im Schneiderkostüm rückt mit demonstrativem Ekel einen vollen Aschenbecher beiseite. In der Ecke, wo sich die Lesezirkel-Illustrierten stapeln, beugen sich Mutter und Tochter über eine abgegriffene Titelgeschichte: Skandal in London. Charles trennt sich von Camilla, der Prinz hat eine andere. Eine niedliche Alte mit schwarz gefärbtem Pagenkopf hält die Zigarette als was Besonderes hoch. Als ob sie noch weiß, wie es war, als es nichts zu rauchen gab, und genießt, dass es was gibt. Als Theo vor zehn Jahren starb, sagt Frau Maleika, habe ich seine Urne genommen und bin mit ihm zurückgekehrt nach Deutschland, zurück in den Wedding, hier bin ich aufgewachsen. Mein Mann war gar nicht mein Typ, ich stand mehr auf Blonde. Wir haben uns in der Firma kennen gelernt, die war einer französischen Kaserne unterstellt, ich habe Steine geklopft, er arbeitete als Bauschlosser, nach dem Krieg ist das gewesen; da hatte ich lange schwarze Haare.

Die Confiserie Reichert ist sich ihrer aussterbenden Qualität bewusst: Bitte beachten Sie unser reichhaltiges Angebot an Pralinen, welche wir als eine der wenigen Konditoreien auch heute noch in alter handwerklicher Tradition aus sorgfältig ausgewählten Rohstoffen herstellen. Was ist heute, in diesem Moment, wichtig für Sie? Dass die Krankheit zum Stillstand kommen soll – Frau Maleika zieht einen cremefarbenen Popelinemantel über und bewegt ihren schweren Körper langsam und beharrlich in Richtung Tür. Mit Ihnen möchte ich jedenfalls nicht tauschen, hatte sie beim Abschied wiederholt. Als ließen sich Leben einfach auswechseln.