Australien 1973. Ein junges englisches Ehepaar sitzt am Küchentisch und tippt. Nächtelang, wochenlang. Weinglas für Weinglas fügen sich die Seiten zu Kapiteln, die Kapitel zu Ländern, die Länder zu Kontinenten. In die Textlücken zeichnen die beiden Briten syrische Kamele mit verfilztem Kopfhaar und birmanische Reispflanzer mit Shorts und Halbkugelhut. Dann stapeln sie die Seiten, greifen zum Leim – und gründen ein Imperium: Mit Across Asia on the cheap beginnt im Oktober vor dreißig Jahren die Erfolgsgeschichte des Lonely-Planet-Verlags.

Maureen und Tony Wheeler waren mit wenig Geld von London aus über den asiatischen Landweg nach Australien ausgewandert. Wo sie aßen und schliefen, wo Mulis sie trugen und verrostete Busse durch die Ödnis ruckelten – alles notierten sie auf Zetteln und in Tagebüchern. In Australien interessierten sich Freunde wie Fremde für die Tour, baten um Routenpläne und Tipps. Eine Idee war geboren: Bis heute sind mehr als 600 Lonely-Planet-Bände erschienen, 54 Millionen Exemplare gedruckt, die alle zwei bis vier Jahre aktualisiert werden. Hunderttausende werden jedes Jahr allein in deutschen Buchläden verkauft.

Lonely Planet – das suggeriert Entdeckergeist. Der große, fremde, weite Planet und der einsame Reisende, der ihn erforscht, mit nichts als einem Buch in der Hand. In der Realität umsorgt das Guidebook seine Leser vom Frühstücksei bis zum Mitternachtsdrink; mal wie ein guter Kumpel, mal wie eine Mutter, ängstlich, freundlich, bemüht. Es warnt, wo Straßenräuber lauern und mächtige Wellen Schwimmer in die Tiefe ziehen. Es weiß, wie man mexikanische Kakteenfrüchte entstachelt und in Guinea günstige Holzelefanten kauft. Der Planet berät allein reisende Frauen, Schwule, Lesben, Umweltschützer, verzeichnet Trinkwasserbrunnen und Waschsalons und zeigt Stadtpläne noch des abgelegensten Dorfs. Nach einer mehrwöchigen Reise sieht er aus wie ein Schulbuch nach zehn Jahren Dauergebrauch: zerfleddert, eingerissen, die Ecken geknickt, die Seiten gewellt – ein Schandfleck im Bücherregal, aufbewahrt nur aus Sentimentalität und zum Beschriften der Fotoalben.

Vorher jedoch ist er heiß begehrt, trotz des ihm eigenen Paradoxons: Erst ein Buch wie der Lonely Planet ermöglicht durchschnittlich Wagemutigen die individuelle Tour in jordanische Wadis und die Urwalddörfer Senegals. Doch ist die Reise nicht mehr individuell, wenn man sie mit dem Guidebook plant. Auf immer gleichen Routen ziehen die Planet-Jünger durch fremde Städte, Ruinen und Wälder, sie reisen im selben Pick-up, kaufen ihr Bier am selben Kiosk. Bald kennen sie sich, grüßen sich, erhitzen Seite an Seite Dosen-Ravioli auf dem Camping-Gaskocher. Schnell sind viele als günstig, gemütlich und sauber gepriesene Herbergen korrumpiert durch den beständigen Strom der Reisenden. Denn Lonely-Planet-Nutzer sind meist Einmalbesucher, kaum ein Hotelbesitzer hat es nötig, Stammpublikum an sich zu binden. Länger als zwei, drei Nächte bleiben nur jene wenigen, die zu lethargisch oder zu abgebrannt für die Weiterreise sind. Sie nächtigen im billigsten Schlafsaalbett, weichen ihre T-Shirts mit Duschgel im Waschbecken ein und schnorren andere Traveller um ein paar Spaghetti, einen ausgelesenen Krimi oder einen Joint an.

Zwar empfiehlt der Planet mittlerweile auch Grandhotels, Golfplätze und Sushibars. Doch ein Oberstudienrat greift eher zum Baedecker oder DuMont-Kunstreiseführer. Und wer Mietwagen fährt und Hotels im Reisebüro bucht, kauft selten ein Tour-Buch, das durch Rubriken wie Trampen, Supermärkte und Wie ich Geld sparen kann überzeugt.

Allerdings sind Lonely Planets mehr als nur gedruckte Berater für Organisation und Speiseplan. Sozialkritisch, aufklärerisch, intelligent, so sind viele der Kapitel über Sehenswürdigkeiten, Geschichte, Politik, Wirtschaft, Menschen, Kultur und Natur verfasst. Seine Autoren wünscht sich Tony Wheeler vielsprachig und belesen, fachsimpelnd über Maya-Tempel wie über die nicaraguanische Kaffeeproduktion. "Meine Lieblingsrubrik sind die Asides, Geschichten am Rande, die ein kundiger Autor frei wählt. Das Buch Germany etwa hat Asides zu Freikörperkultur, Hildegard von Bingen, den Sorben, Besenwirtschaften und Verkehrsstaus."

Lonely Planet selbst veröffentlicht in Englisch, Französisch, Spanisch und Italienisch – neben den Klassikern auch Fahrrad-, Tauch-, Kletter- und Sprachführer wie das Swahili Phrasebook. Hierzulande widmen sich seit den Neunzigern zwei Verlage einer deutschen Ausgabe: der Gisela E. Walther Verlag aus Bremen sowie der Berliner Stefan Loose Verlag, der seit 2002 zu DuMont gehört. Insgesamt haben sie rund 30 Planets übersetzt, Literaturtipps und Flugpläne überarbeitet. Der hiesige Rucksacktourist kann nun wählen: Nimmt er das aktuellere Original, riskiert er, nicht zu wissen, ob ein "odorous hostel" gut riecht oder stinkt. Greift er zur deutschen Fassung, riskiert er, dass das Hostel gar nicht mehr existiert.

Tony Wheeler ist jetzt 56, ein bisschen grauhaarig, ein wenig müde und ziemlich reich. Noch immer tourt er die Hälfte des Jahres durch Wälder, Wüsten und Metropolen. Hin und wieder kursieren Gerüchte: Wheeler sei als Schiffbrüchiger ertrunken, an Malaria verstorben, Löwen hätten ihn zerfleischt, afghanische Mudschaheddin ihn erschossen.