Klaus Mangold hatte sich bestimmt einen ruhmreicheren Abgang gewünscht. Mit dem 16. Dezember, das ist seit Monaten beschlossene Sache, scheidet der 60 Jahre alte Manager aus dem Vorstand von Daimler-Chrysler aus. Doch bei dem Maut-Betreiber Toll Collect GmbH wollte er weiter mitmischen. "Ich werde mich sicherlich auch in Zukunft um das Kind kümmern", versicherte er noch vor ein paar Tagen. Aus der Traum! Mangold verliert seinen Posten an der Spitze des Toll-Collect-Aufsichtsrats an den früheren Mannesmann-Manager Peter Mihatsch und muss damit für das Fiasko bei der Einführung der Lkw-Maut geradestehen. Auch Geschäftsführer Michael Rummel, ebenfalls ein Daimler-Mann, muss gehen.

Toll Collect glaubt, dass mit dem Personalwechsel "die Weichen für einen erfolgreichen Start des Probebetriebs gestellt sind". Dafür wäre es allerhöchste Zeit. Denn eigentlich sollte der Probebetrieb für die Lkw-Maut auf den deutschen Autobahnen schon am 31. August beginnen. Nicht mit Mauthäuschen und Tickets, sondern mit einem vollautomatischen Verfahren elektronischer Erfassung und Abrechnung. Bundesregierung und Toll Collect priesen es unermüdlich als das weltweit modernste System an, auf das zudem Käufer aus aller Welt warteten. "High Tech at it’s best", schwärmte Mangold gerne. Doch bis dahin bleibt ein weiter Weg. Am 1. Oktober schrieb der Präsident des Bundesamts für Güterverkehr an das Verkehrsministerium, es bestehe "ein hoher Reparatur- und Nachbesserungsbedarf des gegenwärtigen Systemzustandes in qualitativer und quantitativer Hinsicht".

Der Hauptschuldige am Maut-Chaos war schnell ausgemacht: Verkehrsminister Manfred Stolpe. Sein Haus, so der Vorwurf, habe zu hohe industriepolitische Ambitionen entwickelt, dann einen (vor allem für den Steuerzahler) schlechten Vertrag abgeschlossen und schließlich versäumt, dem Betreiber Toll Collect auf die Finger zu sehen. Doch langsam dämmert es auch denen, die Stolpes Rücktritt fordern, dass die eigentliche Verantwortung für die Blamage bei Toll Collect liegt.

Das Unternehmen ist alles andere als eine Klitsche. Dahinter stehen (neben dem französischen Autobahnbetreiber Cofiroute) die beiden Weltkonzerne DaimlerChrysler und Deutsche Telekom. Sie bürgten, davon ging zumindest die Bundesregierung aus, für pünktliche und zuverlässige Lieferung des bestellten Produkts. Danach sah es auch bis wenige Tage vor dem vereinbarten Start aus. Schriftlich hatte Mangold dem Minister am 27. August mitgeteilt, die Einführungsphase könne am 31. August beginnen, die volle Erhebung der Maut am 2. November. Dabei war das System zu diesem Zeitpunkt weit davon entfernt, auch nur annähernd zu funktionieren.

Radios und Antennen sind der natürliche Feind der Obus

Unerschütterlich erklärt Klaus Mangold heute noch, er und seine Mitarbeiter seien davon überzeugt gewesen, dass der Start planmäßig vor sich gehen könne. Eine katastrophale Fehleinschätzung, die Toll Collect erst korrigierte, als Spediteure und Fernfahrer über ihre ersten Erfahrungen mit dem Maut-System berichteten. Es waren abenteuerliche Geschichten.

Meist kreisten sie um den im Fahrerhaus angebrachten kleinen Bordcomputer namens Obu (On Board Unit), der alle Daten erfasst, die für die Berechnung der Maut nötig sind. Zum Start am 31. August sollten 150000 Obus installiert sein. Viel zu wenige – und nicht einmal die standen in annähernder Zahl zur Verfügung. Siemens produzierte nur mit großer Verzögerung. Grundig war pünktlicher, lieferte dafür viel Ausschuss. Als die Produktion der Wunderkästen gesteigert wurde, fehlten die Werkstätten für die Montage.

Viele Obus waren extrem störanfällig. Die einen gaben ihren Geist auf, wenn der Fahrer des Lkw das Radio anschaltete, andere, wenn vom Führerhaus aus telefoniert wurde. Ragte eine Ladung über das Führerhaus hinaus, kam die Datenübermittlung zwischen Obu und Satellit nicht zustande. Das verhinderten je nach Autotyp auch Antennen oder Windabweiser. Teile des gebührenpflichtigen Autobahnnetzes waren in der Software gar nicht erfasst, was zu absurden Maut-Beträgen führte. Rund 20 000 Geräte mussten in einer Rückrufaktion eingesammelt werden, um eine neue Software aufzuspielen.