Zwölf Monate hat das Jahr, zwölf Stämme Israel, zwölf Jünger Jesus, zwölf Tore das Himmlische Jerusalem. Zwölf, die Grund-Zahl des Sexagesimalsystems und des Tierkreises, ist die Vollständigkeits- und Heiligkeitszahl par ex-cellence. Doch nicht hagiografische Stilisierung, sondern das Bewusstsein von der Sinnfälligkeit symbolischer Ordnungssysteme steckt dahinter, wenn der Münchner Mediävist Friedrich Prinz aus der nahezu unüberschaubaren Zahl spätantiker und mittelalterlicher Heiliger ausgerechnet zwölf auswählt, um in exemplarischen Biografien ihrem "wahren Leben" auf die Spur zu kommen.

Selbst in der sich wissenschaftlich gebenden Variante der Literaturgattung "Heiligenleben" wurde die Grenze zwischen Geschichtsschreibung und Hagiografie oft genug verwischt, falls sie nicht – im anderen Extrem – antikirchlicher Polemik diente. Wenn ein renommierter Historiker aber dem Thema mit quellenkritischer Akribie und der stilsicheren Darstellungskunst des souverän sein Material ordnenden Geschichtsschreibers zu Leibe rückt, ist solcherlei kaum zu befürchten. "Frei von blasphemischen Nebengedanken", so Prinz in seinem Einleitungskapitel, schickt er sich an, "die mannigfachen, meist kultbedingten, Übermalungen‘ offizieller Hagiografie beiseite zu lassen" und das Leben der Heiligen "als ganz normale Biografie zu schildern, wie sie auch säkularen Persönlichkeiten zuteil wird".

Das ist schon angesichts der Quellenlage kein leichtes Unterfangen: Die genuin historischen Zeugnisse sind eher dünn gesät; das meiste, was wir über Martin von Tours oder Hieronymus, über Radegunde und Wilfried von York, über Hildegard von Bingen und Elisabeth von Thüringen wissen, stammt aus erbaulichen Lebensbeschreibungen, von Weggefährten oder Ordensfunktionären in der strategischen Absicht verfasst, ein vorbildhaftes, zu Verehrung und Nachahmung animierendes Idealbild entwerfen. Und die wenigen autobiografischen Zeugnisse – etwa des Augustinus – verstellen, als retrospektive Selbststilisierungen einherkommend, gleichermaßen den Blick auf das "wahre" Leben des Heiligen.

Doch des Autors bewundernswerte Sachkompetenz macht es möglich, hinter den von der Textgattung Legende vorgegebenen Übermalungen das wahre, das objektive Bild zu erkennen: Der Schleier, der den Blick auf den Heiligen als Person seiner Zeit verhüllte, lüftet sich. Bevor die Goldscheibe des Nimbus über ihrem Haupt schwebte, führten auch Heilige das facettenreiche Leben widersprüchlicher Menschen: der gelehrte Bibelübersetzer Hieronymus etwa, der zuweilen von höchst polemischer Unheiligkeit befallen war; Kaiser Heinrich II., in dessen irdischer Existenz sich Frömmigkeit und Machtbewusstsein auffällig verschränkten, oder der begnadete Prediger, Mystiker und Kirchenpolitiker Bernhard von Clairvaux, der seine Gegner mit unerbittlichem Hass verfolgten konnte. Nur beim poverello aus Assisi, mit dem das Buch schließt, scheinen irdisches Wirken und die Charakterzüge der Heiligkeit eins gewesen zu sein.

Friedrich Prinz, der lange Jahre als Professor für Mittelalterliche Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte an der Universität München lehrte, ist am 27. September gestorben