Die Straßen sind gefegt, Gebinde mit Sonnenblumen an den Kreuzungen aufgestellt, gelb-weiße Fahnen hängen an den Giebeln der Häuser. Pompeji hat sich herausgeputzt wie seit fast 25 Jahren nicht mehr. 1979 führte den Papst, er war kaum im Amt, eine Reise von Rom in die antike Stadt am Fuße des Vesuvs. Der Papst aus Polen stieg damals die Stufen zur Basilika Santuario della Beata Vergine del Rosario di Pompeji so schnell empor, dass seine Soutane wehte. Oben, vor der Kirchtür, drehte er sich um und winkte den Gläubigen lange zu. Die Freude stand ihm im Gesicht. Er lachte. Und er sagte: "Fürchtet euch nicht!"

Pompeji heute. Papst Johannes Paul II. kommt an einem Oktobertag erneut zu Besuch. Er benötigt den gepolsterten Stuhl, der auf eine Kiste aus hellem Holz montiert wird. Die Kiste hat Rollen. Zwei Kardinäle halten die Stuhlbeine. Die Stufen zur Basilika sind behindertengerecht umgebaut. Ein gelber Teppich liegt auf der Fahrrampe, auf welcher der Papst auf die Bühne geschoben werden soll. Die Menschen fürchten um sein Leben.

Eigentlich war die Reise nach Pompeji als feierlicher Abschluss des "Rosenkranzjahres" gedacht, das der Papst vor zwölf Monaten ausgerufen hatte. Aber davon spricht niemand mehr. Das Thema ist ein anderes, und jeder weiß es. Dies könnte die letzte Reise sein, zu der sich dieser Papst aufmacht. Vor zwei Wochen wurde die Generalaudienz abgesagt, die immer mittwochs um halb elf auf dem Petersplatz in Rom stattfindet und sonst nur wegen der päpstlichen Auslandsreisen ausgefallen ist. Das Bild eines Schweizergardisten, der den leeren Papststuhl bewacht, ging um die Welt.

Die Wolken verziehen sich, als sich der Helikopter Pompeji nähert. Er landet auf einem Platz zwischen Mosaiken und Fresken, die über 2000 Jahre alt sind. Ein paar Meter entfernt stehen die Gläubigen in Dreierreihen Spalier. Langsam rollt das kleine Papa-Mobil durch die Via Roma, macht noch einen Umweg, dann erreicht es die Basilika. Es hält an der Rampe. Der Papst hebt leicht seinen Kopf. Die Menge schreit ekstatisch auf.

Anders als seine Vorgänger hat der Papst aus Polen früh erkannt, welche Chancen es bietet, moderne Kommunikation für ewige Inhalte einzusetzen. Selbst hat er Theaterstücke geschrieben, stand, lange bevor sich die Welt für ihn interessierte, als Schauspieler in Krakau auf der Bühne. Das Internet hat er eingeführt, um das Evangelium auch auf der Datenautobahn zu verbreiten. Rund um den Globus sitzen Missionare nun an Computern, von Rom aus gefüttert mit päpstlichen Botschaften. Mit einem Fuß noch immer in der Vorzeit, mit dem anderen in der Moderne. Johannes Paul II. akzeptiert die Regeln des modernen Marketings. Gehört auch die Inszenierung des eigenen Todes dazu?

TV-Stationen aus aller Welt haben Scouts nach Rom geschickt. Wem eine Terrassenwohnung mit Blick auf den Petersplatz gehört, darf mit solventen Mietern rechnen – die Fernsehleute suchen nach Balkonen, die eine perfekte Sicht auf die Sixtinische Kapelle bieten. Weißer Rauch aus dem runden Kamin auf dem Dach der Kapelle, das Zeichen eines neu gewählten Papstes, das wären, nach so viel Irak, endlich wieder frische Bilder. Wenn die Produzenten von CNN, CBS, BBC, RAI und Sky daran denken, werden sie ganz erregt. "Es ist zwar nur eine Einmannshow", sagt ein britischer Nachrichtenchef zwischen zwei Gläsern Prosecco auf dem Campo dei Fiori, "aber alles zusammen, Todesnachricht, Konklave, Auftritt des neuen Papstes, das ist ein Ding, wochenlang halten wir da drauf."

Die Sendezeiten via Satellit sind bereits gebucht. Also nehmen die Companies noch einmal ordentlich Geld in die Hand. 40000 Euro im Monat zahlen sie für einen guten Balkon. Hat das Haus einen Fahrstuhl, mit dem sich ältere Interviewgäste das Treppensteigen ersparen, kommen noch einmal 20000 Euro hinzu. Die markigen Fernsehleute sagen: Put up or shut up – Unterschreib den Mietvertrag, oder halt den Mund!

Wie viele Tage bleiben dem Papst noch, welche Zeichen sind wie zu deuten? Jedes Detail bekommt plötzlich Wichtigkeit. Reporter haben den Uhrmacher Francesco Rocchi und seinen Laden in dem Borgo Pio ausfindig gemacht. Das ist die Straße, die direkt zum schweren Eisentor des Vatikans führt. Ja, es stimme, der Papst lasse seine Uhr zu ihm herüberschaffen. Wenn sie stehen bleibe, lasse er bei ihm die Batterien wechseln. Zuletzt, fünf Jahre ist das her, habe der Papst um eine Uhr mit größerem Zifferblatt gebeten – keine Rolex, keine Edelsteine. "Eine Seiko, aber ohne Datumsanzeige", sagt Rocchi. Der Uhrmacher hat sich beeilt mit den Aufträgen des Heiligen Vaters. "Die Zeit läuft dem Papst davon", habe Karol Wojtyla damals gesagt. Natürlich war das scherzhaft gemeint. Aber mit dem Wissen von heute? Ist es denkbar, dass sich hinter dem Augenzwinkern des Papstes doch sehr viel Ernsteres verbarg? Fest steht, dass sich die Inszenierung seiner Agonie verselbstständigt hat. Alles ist wichtig, alles todernst. In Rom herrscht eine gewisse Hektik.