Die Welt, in die hinein der Krakauer Erzbischof Karol Kardinal Wojtyla am 16.Oktober 1978 zum Papst gewählt wurde, sollte nicht mehr lange Bestand haben. Noch herrschte das Grau der siebziger Jahre, die Zeit von Ölkrise, Dauerinflation und der Überzeugung von den "Grenzen des Wachstums". Aber zwei, drei Jahre später veränderte sich die Szenerie dramatisch, weltweit, Schlag auf Schlag. Anfang 1979 wurde in Iran der Schah gestürzt und Ajatollah Chomeinis islamische Republik gegründet. Im Dezember fielen die Sowjets in Afghanistan ein, es sollte ihr letztes imperiales Abenteuer werden. Der Sommer 1980 brachte die Werftarbeiterstreiks in Polen und Lech Walesas Solidarnos, den Anfang vom Ende des europäischen Ostblocks. Da war Margaret Thatcher, die Marktradikale in London, schon ein Jahr im Amt; Ronald Reagan folgte als US-Präsident im November 1980. An der Wende von den siebziger zu den achtziger Jahren formierten sich die Triebkräfte der Revolution von 1989 – ein erneuerter Kapitalismus, das Widerstandspotenzial der christlichen wie islamischen Religion, die Unbeugsamkeit der Nationen wie in Polen und Afghanistan.

Mit Johannes Paul II., wie er seit jenem Herbsttag vor 25 Jahren hieß, fing alles an. Seine Wahl war der erste Riss im Eis der gefrorenen Geschichte. Ein Pole als Bischof von Rom und Hirte der universalen Kirche – in Moskau war man sofort alarmiert, und Wojtylas triumphaler Heimatbesuch im Juni 1979 wurde in der Tat die Initialzündung für den Arbeiterprotest und die Selbstorganisation der "Zivilgesellschaft". Das Porträt des Papstes war allgegenwärtig, auf den Demonstrationen, am Tor der Danziger Lenin-Werft (wo es noch heute hängt), sogar auf dem Kugelschreiber, mit dem Lech Walesa den Vertrag unterschrieb, den die Streikenden dem polnischen Regime abgetrotzt hatten. Nichts, was in diesen Jahren in Osteuropa passierte, hat Michail Gorbatschow einmal bemerkt, wäre ohne Johannes Paul II. geschehen. Höflichkeit unter großen Männern. Historische Wahrheit aber auch.

Mit Bush gegen die Gentechnik, gegen Bush im Irak-Krieg

Ist dieser einflussreiche Mann derselbe, der Pille und Kondom verbietet, der Protestanten das gemeinsame Abendmahl und Frauen das Priesteramt verweigert, sogar Mädchen das Messdienen? Der alle Kirchen-Macht in Rom konzentriert und einen Kreuzzug gegen die Schwulenehe führt? Karol Wojtyla ist nicht historisch entrückt und entschärft, nicht zur Ehre der Geschichtsaltäre erhoben wie die anderen Vorkämpfer und Symbolfiguren von 1989, die Dissidenten Sacharow oder Havel, Gorbatschow, der "Held des Rückzugs", selbst die Ikonen des Neoliberalismus Thatcher und Reagan. Das sind abgeschlossene Kapitel. Der Papst ist immer noch da, gegenwärtig, polarisierend, geliebt und verhasst.

Er steht mit Bush gegen die Stammzellforschung und stand gegen Bush im Irak-Streit. "Wir und der Papst haben die Welt vor einem Kampf der Kulturen bewahrt", hat der französische Außenminister Villepin verkündet. Doch gegen Frankreich mehr als gegen jedes andere Land fordert Johannes PaulII. eine invocatio Dei, einen Bezug auf Gott und das Christentum in der künftigen EU-Verfassung. Karol Wojtyla ist "altes Europa" als Friedenspolitiker und "neues Europa" von Geburt, er ist "rechts" gegen die Abtreibung und "links" gegen den Raubtierkapitalismus, "fortschrittlich" für die Menschenrechte überall auf der Welt und "reaktionär" gegen Demokratie in der katholischen Kirche.

Widersprüche? Wenn er nur nicht so unverkennbar und geradezu unverschämt aus einem Stück wäre, eins mit sich und seinem Glauben. Der Widerstand gegen den Kommunismus und die Kritik an der Moderne sind für Johannes Paul II. immer zwei Seiten derselben Medaille gewesen. Hier wie da ging und geht es gegen den Irrglauben, dass der Mensch vom Brot allein lebt, gegen die Zerstörung der Transzendenz – sei es durch den theoretischen Materialismus von Marx oder den praktischen der Konsumgesellschaft.

"Die Wahrheit wird euch frei machen." Dieser Satz aus dem Johannes-Evangelium ist Wojtylas liebstes Bibelzitat, seine Losung, der Kern seines Denkens. Zugleich ist der Satz auch eine Provokation, weil er Freiheit radikal anders definiert als der herrschende Liberalismus. Nicht als reiche Auswahl unter Weltanschauungen und Lebensstilen, sondern als Unabhängigkeit von Ideologie, Mode, Konvention, auch von Mehrheitsmeinungen. Wie ein Stein liegt seinen Zeitgenossen diese Überzeugung Johannes Pauls II. im Magen – dass es Wahrheit gibt, unveränderlich, unverhandelbar, gültig selbst dann, wenn sie keinen Abnehmer findet und eine ganze Epoche sie vergisst. Hier hört für den Freiheitsapostel Karol Wojtyla die Demokratie auf. Kein Parlamentsbeschluss kann in seinen Augen die Euthanasie legitimieren, denn das Menschenleben ist heilig; keine "freiwillig" geschlossenen Kreditverträge ändern etwas daran, dass die Überschuldung der armen Länder Unrecht ist – objektiv, in den Augen Christi wie seines Stellvertreters, punktum.

Unzeitgemäß wird man solchen Absolutheitsanspruch nennen – muckerhaft hat er den Pontifikat nicht gemacht. Der dogmatisch so strenge, fast sture Johannes Paul II. hat den Religionsdialog weiter gespannt, als es vor seiner Zeit auch nur vorstellbar gewesen wäre. Er hat als erster Papst eine Synagoge besucht, als erster eine Moschee; er hat mit Protestanten und Orthodoxen, mit Juden und Muslimen, mit Buddhisten, Hindus, Zarathustra-Jüngern und wer weiß, wem noch für den Frieden gebetet, sehr zum Verdruss der Hüter theologischer Reinheitsgebote.