"Betet für mich!"

Die Straßen sind gefegt, Gebinde mit Sonnenblumen an den Kreuzungen aufgestellt, gelb-weiße Fahnen hängen an den Giebeln der Häuser. Pompeji hat sich herausgeputzt wie seit fast 25 Jahren nicht mehr. 1979 führte den Papst, er war kaum im Amt, eine Reise von Rom in die antike Stadt am Fuße des Vesuvs. Der Papst aus Polen stieg damals die Stufen zur Basilika Santuario della Beata Vergine del Rosario di Pompeji so schnell empor, dass seine Soutane wehte. Oben, vor der Kirchtür, drehte er sich um und winkte den Gläubigen lange zu. Die Freude stand ihm im Gesicht. Er lachte. Und er sagte: "Fürchtet euch nicht!"

Pompeji heute. Papst Johannes Paul II. kommt an einem Oktobertag erneut zu Besuch. Er benötigt den gepolsterten Stuhl, der auf eine Kiste aus hellem Holz montiert wird. Die Kiste hat Rollen. Zwei Kardinäle halten die Stuhlbeine. Die Stufen zur Basilika sind behindertengerecht umgebaut. Ein gelber Teppich liegt auf der Fahrrampe, auf welcher der Papst auf die Bühne geschoben werden soll. Die Menschen fürchten um sein Leben.

Eigentlich war die Reise nach Pompeji als feierlicher Abschluss des "Rosenkranzjahres" gedacht, das der Papst vor zwölf Monaten ausgerufen hatte. Aber davon spricht niemand mehr. Das Thema ist ein anderes, und jeder weiß es. Dies könnte die letzte Reise sein, zu der sich dieser Papst aufmacht. Vor zwei Wochen wurde die Generalaudienz abgesagt, die immer mittwochs um halb elf auf dem Petersplatz in Rom stattfindet und sonst nur wegen der päpstlichen Auslandsreisen ausgefallen ist. Das Bild eines Schweizergardisten, der den leeren Papststuhl bewacht, ging um die Welt.

Die Wolken verziehen sich, als sich der Helikopter Pompeji nähert. Er landet auf einem Platz zwischen Mosaiken und Fresken, die über 2000 Jahre alt sind. Ein paar Meter entfernt stehen die Gläubigen in Dreierreihen Spalier. Langsam rollt das kleine Papa-Mobil durch die Via Roma, macht noch einen Umweg, dann erreicht es die Basilika. Es hält an der Rampe. Der Papst hebt leicht seinen Kopf. Die Menge schreit ekstatisch auf.

Anders als seine Vorgänger hat der Papst aus Polen früh erkannt, welche Chancen es bietet, moderne Kommunikation für ewige Inhalte einzusetzen. Selbst hat er Theaterstücke geschrieben, stand, lange bevor sich die Welt für ihn interessierte, als Schauspieler in Krakau auf der Bühne. Das Internet hat er eingeführt, um das Evangelium auch auf der Datenautobahn zu verbreiten. Rund um den Globus sitzen Missionare nun an Computern, von Rom aus gefüttert mit päpstlichen Botschaften. Mit einem Fuß noch immer in der Vorzeit, mit dem anderen in der Moderne. Johannes Paul II. akzeptiert die Regeln des modernen Marketings. Gehört auch die Inszenierung des eigenen Todes dazu?

TV-Stationen aus aller Welt haben Scouts nach Rom geschickt. Wem eine Terrassenwohnung mit Blick auf den Petersplatz gehört, darf mit solventen Mietern rechnen – die Fernsehleute suchen nach Balkonen, die eine perfekte Sicht auf die Sixtinische Kapelle bieten. Weißer Rauch aus dem runden Kamin auf dem Dach der Kapelle, das Zeichen eines neu gewählten Papstes, das wären, nach so viel Irak, endlich wieder frische Bilder. Wenn die Produzenten von CNN, CBS, BBC, RAI und Sky daran denken, werden sie ganz erregt. "Es ist zwar nur eine Einmannshow", sagt ein britischer Nachrichtenchef zwischen zwei Gläsern Prosecco auf dem Campo dei Fiori, "aber alles zusammen, Todesnachricht, Konklave, Auftritt des neuen Papstes, das ist ein Ding, wochenlang halten wir da drauf."

Die Sendezeiten via Satellit sind bereits gebucht. Also nehmen die Companies noch einmal ordentlich Geld in die Hand. 40000 Euro im Monat zahlen sie für einen guten Balkon. Hat das Haus einen Fahrstuhl, mit dem sich ältere Interviewgäste das Treppensteigen ersparen, kommen noch einmal 20000 Euro hinzu. Die markigen Fernsehleute sagen: Put up or shut up – Unterschreib den Mietvertrag, oder halt den Mund!

Wie viele Tage bleiben dem Papst noch, welche Zeichen sind wie zu deuten? Jedes Detail bekommt plötzlich Wichtigkeit. Reporter haben den Uhrmacher Francesco Rocchi und seinen Laden in dem Borgo Pio ausfindig gemacht. Das ist die Straße, die direkt zum schweren Eisentor des Vatikans führt. Ja, es stimme, der Papst lasse seine Uhr zu ihm herüberschaffen. Wenn sie stehen bleibe, lasse er bei ihm die Batterien wechseln. Zuletzt, fünf Jahre ist das her, habe der Papst um eine Uhr mit größerem Zifferblatt gebeten – keine Rolex, keine Edelsteine. "Eine Seiko, aber ohne Datumsanzeige", sagt Rocchi. Der Uhrmacher hat sich beeilt mit den Aufträgen des Heiligen Vaters. "Die Zeit läuft dem Papst davon", habe Karol Wojtyla damals gesagt. Natürlich war das scherzhaft gemeint. Aber mit dem Wissen von heute? Ist es denkbar, dass sich hinter dem Augenzwinkern des Papstes doch sehr viel Ernsteres verbarg? Fest steht, dass sich die Inszenierung seiner Agonie verselbstständigt hat. Alles ist wichtig, alles todernst. In Rom herrscht eine gewisse Hektik.

"Betet für mich!"

In den Vatikanischen Gärten hinter dem Petersdom wandelt Kardinal Achille Silvestrini schwarz gewandet auf geharktem Kies. Hier und da ein Wasserspiel, ansonsten Ruhe mitten in der Metropole. Der Kardinal blinzelt in die Sonne, die schräg über der Kuppel des Petersdoms steht. Das silberne Kreuz auf seinem schwarzen Pullover blinkt. Seine Eminenz, geboren in Brisighella bei Bologna, ist 79 Jahre alt, was man ihm nicht ansieht. Er empfängt gern Besuch. Zur Begrüßung neigt der Kardinal den Kopf und drückt die Hand ganz sanft. Wehe aber, vom Petersplatz kommen wieder die Tauben geflogen, landen zwischen all den Mangolien und Palmen, bekleckern die Steineichen und gurren laut! Dann verschwindet sein Lachen, dann macht er ein paar schnelle Schritte, klatscht erbost die Hände, bis die Biester verschwunden sind. Und sagt: "Unsere Oase."

"Hier zählen nicht Jahre und Jahrzehnte." Mit diesen Worten definierte einst Kardinal Agostino Casaroli, Staatssekretär des Vatikans, das Verständnis von Zeit und Zeitlichkeit, das in dieser Oase gilt. Er beschwor die römische Tradition, "in Jahrhunderten zu denken". Als Außenminister des Vatikans war Silvestrini mit Casaroli fast zehn Jahre für die Ostpolitik zuständig. Schnell leuchtete ihm Casarolis Empfehlung ein, im Zweifel lieber den langen Atem zu haben.

Silvestrini hat den Kiesweg nach links verlassen, über ihm kreisen wieder die Tauben. Doch in diesem Augenblick hat der Kardinal nur Augen für die knorrigen, armdicken Äste eines Olivenbaums. Der Baum ist uralt. "Vermutlich in der Zeit Friedrichs II., Anfang des 13. Jahrhunderts, gepflanzt." Unvermittelt kommt er auf die Ostpolitik zurück, Warschau, Moskau, Berlin. Wenn sich alles fügt, dann würden die Worte des Heiligen Vaters wie Saatgut wirken.

Und wenn die Saat nicht aufgeht? Unten aus der Stadt weht leises Glockengeläut herauf. Man dürfe nie aufgeben, sagt Silvestrini. "Das Evangelium ist ein ständiger Kampf." Vor Kritik sei niemand gefeit. Der Kardinal erwähnt die umstrittene Reise Johannes Pauls II. zu Pinochet nach Santiago de Chile, Fotos des Papstes an der Seite des Diktators. Darf das sein, ist das nicht unerhört? Kritische Fragen seien damals gestellt worden. Im Übrigen auch vom Papst selbst. Die Kritik habe dazu geführt, sagt Silvestrini, die Reisen präziser zu planen. Er meint das Prozedere: das Schreiben der Reden, stets nach einem Entwurf des Papstes in polnischer Sprache, dann die Diskussion um die Endfassung, Korrekturen wieder und wieder, schließlich das Plazet des Heiligen Vaters, seine Paraphe mit blauem Kugelschreiber oder manchmal mit einem Bleistift.

Der Kardinal schreitet voran, links und rechts fallen die ersten Tannenzapfen von den Bäumen. Pio XI heißt die kleine Straße, die hinaufführt zum Helikopter-Landeplatz am äußersten Rand der Vatikanischen Gärten. Gelbe Positionslampen stecken den weiß betonierten Platz ab, von dem aus sich der Heilige Vater so oft auf den Weg machte.

"Was sind die irdischen Staaten, da die Gerechtigkeit sich aus ihnen zurückgezogen hat, anderes als große Räuberhöhlen?" Nach Ansicht des Heiligen Augustinus, geäußert im 4. Jahrhundert nach Christus, braucht der Mensch gute Gründe, in die Welt hinauszureisen. Johannes Paul II. habe sie stets gehabt, meint Kardinal Silvestrini. Bei seinen Pastoralreisen ins Ausland besuchte Johannes PaulII. 130 Länder, legte dabei exakt 1160113 Kilometer zurück. Das entspricht 29-mal dem Erdumfang oder drei Flügen zum Mond. "Der eilige Vater" wurde er irgendwann genannt.

Zurück ins Chaos der "Räuberhöhle". Kämpfe Rad an Rad, Sirenen, Abgase. Und Mutter Theresa als Poster in den Schaufenstern der Souvenirläden. Wem gehört sie? Albanien und Makedonien streiten sich um die kleine Frau mit der weißen Haube. Für den Papst kommt sie aus Kalkutta, dort war sie bei den Armen, deshalb wird sie am kommenden Sonntag in Rom selig gesprochen. Der Heilige Vater will, dass es schnell geht. Glaubt er, die Zeit laufe ihm davon?

"Betet für mich!"

Bei Pater Eberhard von Gemmingen steht keine Sanduhr auf dem Tisch. Die Stimme des Stellvertreters Christi auf Erden wird zwar schwächer und schwächer, doch ist dies in der päpstlichen Rundfunkstation kein Grund, die Regler nach oben zu schieben. Die Botschaft des Heiligen Vaters dringt trotzdem durch das Rauschen und Pfeifen des Kurzwellensenders in die Welt hinaus.

20 Millionen Euro lässt sich der Vatikan die Sendeanstalt in jedem Jahr kosten, es ist der größte Einzelposten im Haushalt. Von Gemmingen, ein Jesuit, leitet die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan. Soeben ist eine Redaktionssitzung zu Ende gegangen, sechs Journalisten und eine Cutterin erregen sich über Arnold Schwarzenegger und dessen Wahlsieg in Kalifornien.

Der Pater sitzt an seinem von Tonbandgeräten umstellten Schreibtisch. Seit 21 Jahren beobachtet er den Papst, da kommt viel zusammen, auch die Gewöhnung an immer gleiche Bilder. "Abgebrüht ist man", gibt er zu. "Zitternde Hände eines kranken Mannes", das kennt er seit langem, da guckt er nicht mehr hin.

Andere pilgern für solche Bilder nach Rom, kommen aus der Ukraine, aus Polen, verbringen für einen Platz in der ersten Reihe eine ganze Nacht hinter den Absperrgittern. Sie beten in dieser Zeit den Rosenkranz, und wenn der Papst endlich auftritt, halten sie kaum noch die Augen auf. Ferne schafft Nähe, Nähe schafft Distanz.

Wenn Pater von Gemmingen aus dem Bürofenster sieht, blickt er auf die Engelsburg am Tiber-Ufer, die als Zufluchtsort für die Päpste diente. "Viel hat der Papst für die Volksfrömmigkeit getan, fast inflationär hat er selig und heilig gesprochen." Leider habe ihn weniger interessiert, die Leitung der Weltkirche besser zu organisieren. "Wahrscheinlich will er dies seinem Nachfolger überlassen." Allmählich kommt Eberhard von Gemmingen in Fahrt. Wenn er nur daran denkt, wie viel Zeit sich Johannes Paul II. fürs Beten nimmt. "Jeden Tag den Rosenkranz, jeden Freitag den Kreuzweg, ich weiß nicht, wie der das macht." Von sich aus kommt er auf die Frage zu sprechen, wie es mit dem Papst weitergehen soll. "Er sollte sein Amt niederlegen, am besten am kommenden 21. Oktober." Der Tag, an dem das Konsistorium beginnt. "Alle Kardinäle sind dann in Rom", sagt von Gemmingen, "der Papst sollte ihnen einfach sagen: "Das war’s, macht’s gut." Damit könnte eine große Karriere in der Kirche ein gutes Ende nehmen. "Ein außergewöhnlicher Abgang für eine außergewöhnliche Person."

Dass ein Pontifikat auf diese ungewohnte Weise sein Ende findet, durch weltlichen Einfluss, ist in der Kirchengeschichte nicht ohne Beispiel. Papst Urban VI. wurde gleich nach seiner Wahl 1378 seines Amtes enthoben, angeblich wegen geistiger Umnachtung. Die Entscheidung der Kardinäle, in allerlei politische Ränkespiele verstrickt, wurde aber nicht einhellig gefällt, und Urban VI. thronte noch elf Jahre auf dem Stuhl Petri. Doch es hatte sich ein Riss in der Kirche aufgetan, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts zum großen Schisma führte, einer Zeit, in der drei Päpste sich gleichzeitig Stellvertreter Christi nannten und die römisch-katholische Kirche auseinander zu brechen drohte.

Was passiert, wenn der Papst seine Stimme vollends verliert?

"Betet für mich!"

Diese Gefahr besteht heute nicht. Der Papst ist beliebter denn je, Nebenpäpste sind nicht in Sicht. Allerdings vermag niemand zu sagen, was passiert, wenn auch die geistigen Fähigkeiten von Johannes Paul II. abnehmen, er womöglich an Demenz erkrankt. Von jeher tut sich der Vatikan schwer, Einblick in die Krankenakte des Oberhirten zu gewähren. 1992, anlässlich einer Darmoperation, wurde dem Patienten ein Tumor entfernt, "ein gutartiger Tumor", wie es hieß. Vier Jahre später erfolgte ein weiterer Eingriff an gleicher Stelle, bei dem "Wucherungen an der Narbe" entfernt wurden. Bereits 1993 bemerkten Beobachter das Zittern der linken Hand, das viele als Beginn der Parkinson-Krankheit ansahen. Der Vatikan unterlässt es bis heute, die Krankheit beim Namen zu nennen.

Weil sich der Gesundheitszustand des Papstes seit Wochen zunehmend verschlechtert, stellt der italienische Autor Marco Politi offensiv die Frage: "Wie reagiert die Kurie, wenn Karol Wojtyla, der große Kommunikator, seine Stimme vollends verliert?" Politi, der zusammen mit dem Watergate-Enthüller Carl Bernstein das Buch Seine Heiligkeit schrieb, begleitete vor gut einem Monat den Papst auf der Reise in die Slowakei. Was er dabei erlebte, wird er nicht vergessen. "Er sollte nach seiner Ankunft anderthalb Seiten lesen, schaffte aber nur fünf Zeilen." Alle seien überrascht und bestürzt gewesen, auch die Männer im Tross des Heiligen Vaters.

Eine Situation ohne Ausweg. Marco Politi verweist auf eine geheime Arbeitsgruppe, die der Papst vor Jahren einberief. Sie sollte die Frage klären, ob die Welt schon bereit sei für zwei Päpste, einen amtierenden im Vatikan und einen im Ruhestand irgendwo in einem Kloster. Die Antwort des vertraulichen Runde fiel eindeutig aus: Nein! Die Welt sei nicht bereit. Also leidet das Oberhaupt der katholischen Kirche weiter, in der festen Überzeugung, dass es nicht ihm zusteht, sein Wirken zu beenden.

Einige Kardinäle empfehlen sich längst als Nachfolger. Sie tun es mit wenig Stil. Zum Beispiel der Erzbischof von Mailand, Dionigi Tettamanzi. Der 69 Jahre alte Kardinal entwickelt seit geraumer Zeit schon eine Reiselust, die sich das italienische Nachrichtenmagazin L’Espresso nur mit "einem Wahlkampf" erklären kann. Wie man das so macht: Tettamanzi lässt sich in Genua während des G-8-Gipfels mit Globalisierungsgegnern fotografieren; er hat auch nichts gegen Aufnahmen, die ihn mit Kapitänsmütze an Bord eines Dampfers zeigen; er steigt beim Formel-1-Rennen von Monza in einen Mercedes. Die nationale Nachrichtenagentur Ansa kam um die Erkenntnis nicht herum: "Tettamanzi in pista" – "Tettamanzi ist im Rennen."

Wer hat wirklich Chancen auf die Nachfolge? Marco Politi sagt: "Südamerika", viele in der Kurie könnten sich für einen Mann aus Lateinamerika stark machen, auch habe sich durch die Ernennung neuer Kardinäle aus dieser Region das Machtverhältnis verschoben. "Kardinal Claudio Hummes aus Brasilien, Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga aus Honduras, auch Norberto Rivera Carrera aus Mexiko – sie alle sind Kandidaten."

Aber sind sie auch stark genug, dem um sich greifenden amerikanischen Unilateralismus die Stirn zu bieten? Ist ein Nachfolger aus Europa nicht besser? "Der italienische Kardinal Carlo Maria Martini ist ein ernsthafter Kandidat, aber leider ist er auch krank", sagt Politi. Deshalb komme schon eher Kardinal Christoph Schönborn in Betracht, der Wiener Erzbischof, aber auch den Kardinal von Brüssel, Godfried Daneels dürfe man nicht vergessen. Daneels habe soeben etwas sehr Interessantes geäußert, nämlich den Gedanken, "dass ein Papst die Möglichkeit haben sollte, im hohen Alter zurückzutreten". Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser Satz im Rom dieser Tage für bemerkenswert gehalten wird.

Elmar Mäder hat lange gebraucht, sich an die Stadt zu gewöhnen. Schweizer Verhältnisse war er gewöhnt. Akten, Gutachten, Bilanzen, womit man sich als eidgenössischer Jurist und Buchprüfer am Tag so beschäftigt. Heute ist der 40 Jahre alte Mäder dem Heiligen Vater nahe, wie kaum jemand sonst. Er bezeichnet ihn "als den Papst meiner Generation". Wie so viele andere verbindet auch Mäder die katholische Kirche vor allem mit dem Gesicht von Johannes Paul II. Im August 1998 wurde der Jurist Mitglied der Schweizergarde, vor einem Jahr ihr Colonello, ihr Kommandant. Das Drama eines anderen erwies sich als sein Glück, denn kurz zuvor wurden der Chef der Schutztruppe und dessen Frau sowie ein Gardist erschossen. Der eindeutige Hergang des Geschehens ist umstritten. Buchprüfer Mäder jedenfalls stand für einen Neuanfang. Er ist ein stolzer Schweizer, der das R rollt, wenn er die Rolle der Hellebardiere, der päpstlichen Leibwächter, beschreibt. "Die Garde ergibt sich nicht, die Garde stirbt." Mäder findet, dass dieser Satz den Job gut beschreibe. Man müsse die Aufgabe heutzutage aber noch weiter fassen. "Ich schütze den Papst und seine Botschaft", sagt er.

"Betet für mich!"

Von Fenster der dunkel getäfelten Dienststelle Mäders, wo ein paar Dutzend schwarze Funkgeräte in ihren Ladestationen brummen, hat man einen freien Blick auf den päpstlichen Palast. Oben, im dritten Stock: ein offenes Fenster. Weiße Gardinen wehen im Wind – das päpstliche Schlafgemach. Mäder legt den Kopf in den Nacken. Kein Grund zur Sorge, meint er dann, der Heilige Vater, bei aller Schwäche, sei geistig bei Kräften. "Gesten und Blicke genügen uns."

Mäder kommt geradezu ins Schwärmen, darüber etwa, wie der 83-jährige Heilige Vater noch immer ohne Brille falschen Jahreszahlen im Redemanuskript auf die Spur kommt und sie spontan korrigiert. Auf fast jedem Foto, das den Papst bei öffentlichen Auftritten zeigt, sieht man auch den Kommandanten, immer schutzbereit.

Dabei ist das wirkliche Leben eines Schweizergardisten ganz anders. Nach Pompeji durfte Mäder nicht mit. Ausgeschlossen. Italien ist Ausland, jedenfalls für jemanden, der im Vatikan zu Hause ist. Die Italiener sind die Einzigen, die den Papst stets mit eigenen Polizisten bewachen. Wenn der Santo Padre kommt, dann verzichten die Carabiniere auf Ferientage, kehren unverzüglich aus dem Urlaub zurück. Alle möchten Spalier stehen. Also hat Mäder das Nachsehen gehabt und kann im Dienstzimmer die Funkgeräte kontrollieren. Die Italiener, scheint es, lieben den Papst über alle Maßen. Nein, sagt Mäder, das sei viel zu nett formuliert. "Es ist die pure Eifersucht auf uns."

Menschen sind fehlbar, es gibt das Gute nicht ohne das Böse. Einer der engsten Freunde des polnischen Papstes ist der ingegnere Jerzy Kluger. Dem 83-jährigen Überlebenden des Holocaust wird ein großer Einfluss auf seinen Landsmann, den er seit seiner Jugend kennt, nachgesagt. Klugers Familie wurde von Deutschen ermordet. Über Deutschland mag er selbst nicht mit dem Papst parlieren. Und mit Deutschen am liebsten auch nicht – "Ich rede nicht mit Nazis, ein solches Gedankengut lässt sich auch über Generationen nicht ausmerzen". Auch spricht Kluger nicht mit deren Enkelkindern und natürlich nicht mit deutschen Journalisten. Das christliche Prinzip der Vergebung hat auch in Rom seine Grenzen.

Der Heilige Vater dagegen kümmert sich sichtbar um alle Gläubigen, wirbt uneingeschränkt für den Dialog mit anderen Religionen. Aber es gibt auch die Abteilung fürs Grobe, die deutlich macht, dass die Kirche als Institution noch viel alten Ballast mit sich herumschleppt. Pater Gabriel Amorth gehört in diese Abteilung, der Exorzist im Dienste des Papstes. Einer der besten seines Faches. Sein Buch An Exorzist tells his Story ist das Standardwerk der Branche.

Via Alessandro Severo, eine Straße im Südosten der Stadt, dort, wo der Glanz des Petersdoms nicht mehr hinstrahlt. Pater Amorth thront auf einem Stuhl im Souterrain der Società San Paolo. Sein "Behandlungszimmer" ist groß wie eine Gefängniszelle, an der kahlen Wand steht eine grüne Pritsche, daneben ein großer Korb mit schmutzigen und ausgeleierten Leinenbandagen. "Zum Fixieren der Besessenen", wie der offizielle Teufelaustreiber des Vatikans erläutert. Manchmal ruft er, klein von Gestalt, vier Männer zu sich. Hilfe leistet der Exorzist nur in scheinbar aussichtslosen Fällen, dann, "wenn die Schulmedizin versagt". Kruzifix, Weihwasser und der entscheidende Satz: "Im Namen Gottes, Satan weiche!" Ja, sagt der 78 Jahre alte Pater Amorth, so geht das.

Wie aber erkennt man den Teufel? Es gebe klare Indizien, zum Beispiel die Angst vor Heiligenbildern. "Der Satan lässt die Besessenen mit Wutanfällen reagieren, wenn ich sie zu segnen versuche." Fast bewegungslos steht Pater Amorth da, mit ruhiger Stimme berichtet er "von mindestens fünf Personen, fünf Besessenen", die jeden Tag seiner Zuwendung bedürfen. "Und es werden immer mehr." Von irgendwoher dringt das Geräusch klappernden Geschirrs über die langen Flure. Es ist Zeit für das Abendbrot und auch für ein Gebet für den Papst. "Er ist wunderbar in seinem Bemühen, die Volksfrömmigkeit zu fördern", sagt der Exorzist. Der Nachfolger müsse das große Werk des Heiligen Vaters unbedingt fortsetzen. "Auch in meinem Sinne."

"Betet für mich!"

Kandidatenkarussell. Ein Kardinal mit der Mütze eines Marineoffiziers. 40000 Euro für den Balkonplatz einer Kamera aus Amerika. Radio Vatikan, beschäftigt mit Kalifornien und einem Grazer Terminator aus Hollywood. Eine Seiko-Uhr und ein Pater, der bereit ist, der Welt auf den Teufel auszutreiben. Weshalb das alles?

Francesco Cossiga muss es wissen. Seine Wohnung liegt in einem alten Palazzo an der Via Visconti, gleich hinter dem römischen Justizpalast. Ein paar Carabinieri bewachen den Eingang rund um die Uhr. Cossiga gilt noch immer als gefährdet. Seit er vor 25 Jahren in der Angelegenheit des entführten Aldo Moro gegen die Roten Brigaden agierte und deswegen 1978 als Innenminister zurücktrat, ist er Adressat von Drohbriefen der Brigaden und ihrer Nachfolgebanden.

Eine schwere Eichentür im dritten Stock öffnet sich, ein Polizist in Zivil weist hier den Weg. Vorhänge aus Brokat, daumendicke Fensterscheiben, die den Lärm der Straße abhalten. Überall hängen große Fotos in Silberrahmen, Bilder von Weggefährten in einer fast biblischen Karriere. Ministerpräsident ist Cossiga gewesen, Senatspräsident; zuletzt, bis 1992, der Staatspräsident Italiens. Zur Erinnerung an diese Zeit lächeln nun Valéry Giscard d’Estaing ins Wohnzimmer, Margaret Thatcher und auch Johannes Paul II. Mit dem Papst ist Cossiga besonders verbunden. Wenn sich die beiden Männerfreunde trafen, dann stets ohne Pomp. Häufig in den Bergen Norditaliens, auf den Hütten der Marmolada.

Gestützt auf die Hand eines Butlers, betritt der 75-Jährige den Raum, sein Händedruck ist kraftvoll, seine Stimme so deutlich wie immer. "Haben Sie sich so einen ehemaligen Staatspräsidenten vorgestellt?", fragt Cossiga. "Il picconatore", die "Spitzhacke", nennt man ihn wegen seiner Art, sich überall einzumischen. Statt eines gedeckten Anzuges trägt er jetzt Jeans und ein blau kariertes Holzfällerhemd. Damals, bei einer der ersten Begegnungen in den Bergen, erzählt Cossiga, habe er vor dem Papst niederknien wollen. "Aber Wojtyla hat es nicht zugelassen, hat mich mit beiden Armen wieder hochgezogen. Diese unbändige Kraft werde ich nie vergessen." Wenn es eine unvergängliche Lebensleistung des Freundes gebe, der so anders sei als die "adeligen und bourgeoisen Päpste" vor ihm, dann sei es seine Bereitschaft, die ganze Schuld der katholischen Kirche auf sich zu nehmen. Cossiga hat die Hände gefaltet. Fast andächtig erinnert er an die Bußbereitschaft Karol Wojtylas, an dessen Scham über die päpstlichen Kreuzzüge, die Verteufelung Martin Luthers, die Mitschuld seiner Kirche am Holocaust.

Es gab schwache Päpste, es gab zweifelnde wie Paul VI. Der Papst aus Polen aber sei aus anderem Holz geschnitzt. Jemand wie er halte aus, denn er begreife seine Aufgabe als "himmlische Mission, die einer wie er nicht abbrechen kann". Kein Hindernis ist diesem von sich überzeugten Papst zu hoch, keine Mission ohne Hoffnung. Deshalb ist er jetzt noch einmal in Pompeji, obwohl ihm seine Ärzte absolute Ruhe verordnet haben, obwohl sie ihm auch diese Reise verbieten wollten.

Da sitzt er auf der Bühne, das anderthalbseitige Redemanuskript in der aufgestützen Hand. "Carissimi fratelli e sorelle…" – "Liebe Brüder und Schwestern…" Er kämpft Wort für Wort aus sich heraus, Zeile für Zeile. Der mediterrane Wind rauscht durch das Mikrofon, zwanzig Minuten, dann hat der Heilige Vater alles gelesen. Er kann nicht mehr. Ihn verlassen die Kräfte. Er schaut auf und bittet: "Betet für mich!"