Bei Pater Eberhard von Gemmingen steht keine Sanduhr auf dem Tisch. Die Stimme des Stellvertreters Christi auf Erden wird zwar schwächer und schwächer, doch ist dies in der päpstlichen Rundfunkstation kein Grund, die Regler nach oben zu schieben. Die Botschaft des Heiligen Vaters dringt trotzdem durch das Rauschen und Pfeifen des Kurzwellensenders in die Welt hinaus.

20 Millionen Euro lässt sich der Vatikan die Sendeanstalt in jedem Jahr kosten, es ist der größte Einzelposten im Haushalt. Von Gemmingen, ein Jesuit, leitet die deutschsprachige Abteilung von Radio Vatikan. Soeben ist eine Redaktionssitzung zu Ende gegangen, sechs Journalisten und eine Cutterin erregen sich über Arnold Schwarzenegger und dessen Wahlsieg in Kalifornien.

Der Pater sitzt an seinem von Tonbandgeräten umstellten Schreibtisch. Seit 21 Jahren beobachtet er den Papst, da kommt viel zusammen, auch die Gewöhnung an immer gleiche Bilder. "Abgebrüht ist man", gibt er zu. "Zitternde Hände eines kranken Mannes", das kennt er seit langem, da guckt er nicht mehr hin.

Andere pilgern für solche Bilder nach Rom, kommen aus der Ukraine, aus Polen, verbringen für einen Platz in der ersten Reihe eine ganze Nacht hinter den Absperrgittern. Sie beten in dieser Zeit den Rosenkranz, und wenn der Papst endlich auftritt, halten sie kaum noch die Augen auf. Ferne schafft Nähe, Nähe schafft Distanz.

Wenn Pater von Gemmingen aus dem Bürofenster sieht, blickt er auf die Engelsburg am Tiber-Ufer, die als Zufluchtsort für die Päpste diente. "Viel hat der Papst für die Volksfrömmigkeit getan, fast inflationär hat er selig und heilig gesprochen." Leider habe ihn weniger interessiert, die Leitung der Weltkirche besser zu organisieren. "Wahrscheinlich will er dies seinem Nachfolger überlassen." Allmählich kommt Eberhard von Gemmingen in Fahrt. Wenn er nur daran denkt, wie viel Zeit sich Johannes Paul II. fürs Beten nimmt. "Jeden Tag den Rosenkranz, jeden Freitag den Kreuzweg, ich weiß nicht, wie der das macht." Von sich aus kommt er auf die Frage zu sprechen, wie es mit dem Papst weitergehen soll. "Er sollte sein Amt niederlegen, am besten am kommenden 21. Oktober." Der Tag, an dem das Konsistorium beginnt. "Alle Kardinäle sind dann in Rom", sagt von Gemmingen, "der Papst sollte ihnen einfach sagen: "Das war’s, macht’s gut." Damit könnte eine große Karriere in der Kirche ein gutes Ende nehmen. "Ein außergewöhnlicher Abgang für eine außergewöhnliche Person."

Dass ein Pontifikat auf diese ungewohnte Weise sein Ende findet, durch weltlichen Einfluss, ist in der Kirchengeschichte nicht ohne Beispiel. Papst Urban VI. wurde gleich nach seiner Wahl 1378 seines Amtes enthoben, angeblich wegen geistiger Umnachtung. Die Entscheidung der Kardinäle, in allerlei politische Ränkespiele verstrickt, wurde aber nicht einhellig gefällt, und Urban VI. thronte noch elf Jahre auf dem Stuhl Petri. Doch es hatte sich ein Riss in der Kirche aufgetan, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts zum großen Schisma führte, einer Zeit, in der drei Päpste sich gleichzeitig Stellvertreter Christi nannten und die römisch-katholische Kirche auseinander zu brechen drohte.

Was passiert, wenn der Papst seine Stimme vollends verliert?