Diese Gefahr besteht heute nicht. Der Papst ist beliebter denn je, Nebenpäpste sind nicht in Sicht. Allerdings vermag niemand zu sagen, was passiert, wenn auch die geistigen Fähigkeiten von Johannes Paul II. abnehmen, er womöglich an Demenz erkrankt. Von jeher tut sich der Vatikan schwer, Einblick in die Krankenakte des Oberhirten zu gewähren. 1992, anlässlich einer Darmoperation, wurde dem Patienten ein Tumor entfernt, "ein gutartiger Tumor", wie es hieß. Vier Jahre später erfolgte ein weiterer Eingriff an gleicher Stelle, bei dem "Wucherungen an der Narbe" entfernt wurden. Bereits 1993 bemerkten Beobachter das Zittern der linken Hand, das viele als Beginn der Parkinson-Krankheit ansahen. Der Vatikan unterlässt es bis heute, die Krankheit beim Namen zu nennen.

Weil sich der Gesundheitszustand des Papstes seit Wochen zunehmend verschlechtert, stellt der italienische Autor Marco Politi offensiv die Frage: "Wie reagiert die Kurie, wenn Karol Wojtyla, der große Kommunikator, seine Stimme vollends verliert?" Politi, der zusammen mit dem Watergate-Enthüller Carl Bernstein das Buch Seine Heiligkeit schrieb, begleitete vor gut einem Monat den Papst auf der Reise in die Slowakei. Was er dabei erlebte, wird er nicht vergessen. "Er sollte nach seiner Ankunft anderthalb Seiten lesen, schaffte aber nur fünf Zeilen." Alle seien überrascht und bestürzt gewesen, auch die Männer im Tross des Heiligen Vaters.

Eine Situation ohne Ausweg. Marco Politi verweist auf eine geheime Arbeitsgruppe, die der Papst vor Jahren einberief. Sie sollte die Frage klären, ob die Welt schon bereit sei für zwei Päpste, einen amtierenden im Vatikan und einen im Ruhestand irgendwo in einem Kloster. Die Antwort des vertraulichen Runde fiel eindeutig aus: Nein! Die Welt sei nicht bereit. Also leidet das Oberhaupt der katholischen Kirche weiter, in der festen Überzeugung, dass es nicht ihm zusteht, sein Wirken zu beenden.

Einige Kardinäle empfehlen sich längst als Nachfolger. Sie tun es mit wenig Stil. Zum Beispiel der Erzbischof von Mailand, Dionigi Tettamanzi. Der 69 Jahre alte Kardinal entwickelt seit geraumer Zeit schon eine Reiselust, die sich das italienische Nachrichtenmagazin L’Espresso nur mit "einem Wahlkampf" erklären kann. Wie man das so macht: Tettamanzi lässt sich in Genua während des G-8-Gipfels mit Globalisierungsgegnern fotografieren; er hat auch nichts gegen Aufnahmen, die ihn mit Kapitänsmütze an Bord eines Dampfers zeigen; er steigt beim Formel-1-Rennen von Monza in einen Mercedes. Die nationale Nachrichtenagentur Ansa kam um die Erkenntnis nicht herum: "Tettamanzi in pista" – "Tettamanzi ist im Rennen."

Wer hat wirklich Chancen auf die Nachfolge? Marco Politi sagt: "Südamerika", viele in der Kurie könnten sich für einen Mann aus Lateinamerika stark machen, auch habe sich durch die Ernennung neuer Kardinäle aus dieser Region das Machtverhältnis verschoben. "Kardinal Claudio Hummes aus Brasilien, Oscar Andrés Rodríguez Maradiaga aus Honduras, auch Norberto Rivera Carrera aus Mexiko – sie alle sind Kandidaten."

Aber sind sie auch stark genug, dem um sich greifenden amerikanischen Unilateralismus die Stirn zu bieten? Ist ein Nachfolger aus Europa nicht besser? "Der italienische Kardinal Carlo Maria Martini ist ein ernsthafter Kandidat, aber leider ist er auch krank", sagt Politi. Deshalb komme schon eher Kardinal Christoph Schönborn in Betracht, der Wiener Erzbischof, aber auch den Kardinal von Brüssel, Godfried Daneels dürfe man nicht vergessen. Daneels habe soeben etwas sehr Interessantes geäußert, nämlich den Gedanken, "dass ein Papst die Möglichkeit haben sollte, im hohen Alter zurückzutreten". Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieser Satz im Rom dieser Tage für bemerkenswert gehalten wird.

Elmar Mäder hat lange gebraucht, sich an die Stadt zu gewöhnen. Schweizer Verhältnisse war er gewöhnt. Akten, Gutachten, Bilanzen, womit man sich als eidgenössischer Jurist und Buchprüfer am Tag so beschäftigt. Heute ist der 40 Jahre alte Mäder dem Heiligen Vater nahe, wie kaum jemand sonst. Er bezeichnet ihn "als den Papst meiner Generation". Wie so viele andere verbindet auch Mäder die katholische Kirche vor allem mit dem Gesicht von Johannes Paul II. Im August 1998 wurde der Jurist Mitglied der Schweizergarde, vor einem Jahr ihr Colonello, ihr Kommandant. Das Drama eines anderen erwies sich als sein Glück, denn kurz zuvor wurden der Chef der Schutztruppe und dessen Frau sowie ein Gardist erschossen. Der eindeutige Hergang des Geschehens ist umstritten. Buchprüfer Mäder jedenfalls stand für einen Neuanfang. Er ist ein stolzer Schweizer, der das R rollt, wenn er die Rolle der Hellebardiere, der päpstlichen Leibwächter, beschreibt. "Die Garde ergibt sich nicht, die Garde stirbt." Mäder findet, dass dieser Satz den Job gut beschreibe. Man müsse die Aufgabe heutzutage aber noch weiter fassen. "Ich schütze den Papst und seine Botschaft", sagt er.