Als Schirin Ebadi vergangenen Mittwoch kurz vor Mitternacht Pariser Zeit dem Fernsehsender CNN ein Interview gab, hätte man nicht glauben können, dass sie die selbstbewusste, wortmächtige und bis zur Furchtlosigkeit entschlossene Streiterin für die Menschenrechte ist. Erschöpft, aber auch erkennbar verwirrt von der weltweiten Aufmerksamkeit, die von einer Minute auf die andere über sie hereingebrochen war, rettete sich die Trägerin des Friedensnobelpreises mit einsilbigen Antworten von einer Frage zur anderen. Unverkennbar: Hier muss sich eine Frau noch an ihren neuen Platz im Rampenlicht gewöhnen. Ihr Land braucht sie dort.

In zahlreichen Artikeln und Büchern, auf Konferenzen und in öffentlichen Debatten, aber auch mit einem eigenen Kinderhilfswerk streitet die Juristin für eine Reform des iranischen Rechts, das Frauen, Kinder und religiöse Minderheiten krass benachteiligt. Darüber hinaus hat sie, gemeinsam mit wenigen, ebenso unerschrockenen Kollegen, immer wieder die Verteidigung von politisch Verfolgten übernommen oder Familien vertreten, deren Angehörige vom iranischen Geheimdienst umgebracht worden sind. Mehrfach wurde Schirin Ebadi wegen ihrer Aktivitäten verhaftet.

Für die iranische Bevölkerung ist die Preisverleihung der erste Anlass zu kollektiver Freude seit dem Sieg der Nationalmannschaft über die Vereinigten Staaten bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Der Nobelpreis bedeutet für sie mehr als nur Anerkennung für schon Geleistetes – er ist ein Auftrag für die Zukunft. Schirin Ebadi, die bislang auch im eigenen Land nicht berühmt, sondern allenfalls bekannt und angesehen war, könnte zur bitter benötigten Symbolfigur einer Bewegung werden, die über den Reformkurs von Präsident Mohammed Chatami und seiner Mitstreiter hinausgeht. Die Reformpolitiker sind, wenn nicht am Ende, so doch kurz davor. Immer deutlicher ist in den vergangenen Monaten geworden, dass sie nicht gegen das Bollwerk der beharrenden Kräfte um Revolutionsführer Chamenei im Wächterrat, in der Justiz, aber auch im Sicherheitsapparat und in der Wirtschaft ankommen.

Während die Reformer in der Regierung leicht resigniert wirken, stärkt das Nobelpreiskomitee mit seiner Entscheidung die gesellschaftliche Reformbewegung. Vor allem wird der Aufbruch von den Frauen getragen, die, ungeachtet der verordneten Ungleichheit, ihr Leben selbst bestimmen wollen. Im vierten Jahr in Folge machen sie mehr als 60 Prozent der Studienanfänger in Teheran aus, sie erobern immer neue Spitzenpositionen in der Wirtschaft, prägen die Filmkultur und dominieren die junge iranische Literatur. Ihr neues Selbstbewusstsein drückt sich auch darin aus, dass inzwischen jede dritte iranische Ehe geschieden wird, unter Iranerinnen ist die beliebteste Sportart Karate.

Schirin Ebadi verkörpert diesen Aufbruch Irans in mehrfacher Hinsicht: nicht nur als Frau, sondern auch als Juristin, die dort kämpft, wo die Islamische Republik ihre dunkelste, ihre archaischste Seite hat, im Bereich des Rechts. Indem sie nicht bloß der persönlichen Überzeugung nach Muslimin ist, sondern dezidiert islamisch argumentiert, steht sie dafür, dass die Menschenrechte kein Monopol des Westens sind, wie es westliche und islamische Fundamentalisten im Gleichklang behaupten.

Nicht zuletzt ist mit dem Nobelpreis eine deutliche Aufforderung an die Adresse der Vereinigten Staaten verbunden, Veränderungen in Iran nicht herbeizubomben, sondern stattdessen die Reformbewegung zu unterstützen. Es ist kein Zufall, dass die Nobelpreisträgerin sich schon in ihrer ersten Reaktion gegen die vereinfachte Sicht der Vereinigten Staaten gewandt hat, in der Iran einfach zum "Bösen" gehört. Aber auch die Europäer sollten die Botschaft Stockholms beherzigen und, statt bloß die amerikanischen Warnungen vor dem iranischen Atomprogramm nachzubeten, endlich das Thema Demokratie und Menschenrechte in den Mittelpunkt ihrer Iranpolitik stellen. Wenn Iran nämlich nur dort nachgibt, wo der Westen im Augenblick Druck ausübt, wird das Land bleiben, was es schon ist: eine atomwaffenfreie Diktatur.