Sie mögen ihn. Dennoch hat sich das Elend des normalen Abgeordneten in seiner Amtszeit deutlich verschärft. Zu wenig Ähnlichkeit hat der neue Kurs mit dem, was bislang als sozialdemokratisch propagiert wurde. Das sieht nicht nur der bayerische Abgeordnete Klaus Barthel so, der meint, mit ihrer neuen Politik gefährde die SPD ihre Regierungsfähigkeit – nicht mit abweichendem Stimmverhalten im Parlament. Doch selbst bei den Abgeordneten, die aus Prinzip niemals gegen ihre eigene Regierung votieren würden, hat sich viel Unbehagen aufgestaut.

Schon wegen der rot-grünen Reformpolitik verläuft der Basisdiskurs im Wahlkreis für die SPD-Abgeordneten derzeit nicht allzu erfreulich. Für viele unerträglich wird die Prozedur aber erst durch den aktuellen Berliner Regierungsstil: Woche für Woche gibt es neue Ankündigungen aus den Häusern Eichel, Schmidt oder Clement. "Jede lose Bemerkung aus einem Ministerium wird zu Hause als Beschluss der Regierung genommen", erzählt eine Abgeordnete. Rentenabschläge, Nullrunden, Beitragserhöhungen, Subventionskürzungen für Eigenheimer und Pendler – immer gibt es daheim einiges zu vermitteln. "Eigentlich ist jeder Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis ein kleiner König", weiß Müntefering-Stellvertreter Michael Müller. Zumindest war das so, bevor die wöchentlichen Vorschlagskaskaden über die sozialdemokratischen Volksvertreter hereinbrachen. Seither ist es ungemütlich. Die Wut gegenüber einer schwatzhaft unprofessionellen Bundesregierung ist inzwischen auf allen Ebenen der Fraktion mit Händen zu greifen. In einer "Stimmung aus Gereiztheit und Furchtsamkeit", so ist zu hören, fährt der Abgeordnete am Wochenende nach Hause.

Ohnehin sind viele noch selbst damit beschäftigt, den sozialdemokratischen Politikwechsel zu verarbeiten. "Niemand in der Fraktion glaubt, dass der Kurs noch einmal umgedreht werden könnte", erklärt der Vorsitzende und regt an, nun sollten alle "unsere Reformen entschlossen und geschlossen vermitteln". Dabei ist bei vielen Abgeordneten die Erinnerung an den Realitätsschock noch ganz frisch, mit dem die Agenda-Politik erst zwingend wurde. An Hitchcocks Vögel sieht sich Ludwig Stiegler erinnert, wenn er nur daran denkt, wie zum Jahreswechsel 2002/2003 die Wellen katastrophaler Botschaften über Rot-Grün hereinbrachen. Noch eine ganze Weile nach dem Wahlsieg habe das Prinzip Hoffnung aus dem Wahlkampf weitergewirkt, erinnert sich Fraktionsvize Gernot Erler.

Dass auch der Fraktionschef erst nach und nach die Lage begriff, geriet Franz Müntefering zum Vorteil. Statt als harscher Reformer hatte er sein Amt als Traditionalist angetreten. Noch im Dezember galt er manchem Beobachter als der einflussreichste Widersacher des Kanzlers. So konnte er dann ab Januar 2003 die Wende, die nun bald auf die Fraktion zukam, in paradigmatischer Weise vorleben. In dieser gemeinsamen Erfahrung gründet die enorme Autorität, die er heute in den eigenen Reihen genießt.

"Wir machen etwas, worauf wir stolz sind, wir wollen gestalten", versucht der Vorsitzende seine Fraktion anzufeuern. Von den drei Strömungen, in die sie sich unterteilt, sind es am ehesten die etwa vierzig Abgeordneten des "Netzwerkes", die die neue Linie ohne jeden Vorbehalt begrüßen, freilich bloß als Vorstufe wirklicher Strukturreformen. Allenfalls "Spurenelemente" davon kann Hans-Peter Bartels, einer der Sprecher des Netzwerkes, in den aktuellen Agenda-Gesetzen erkennen. "Hemmnisse und Blockaden gehören zu unserer biografischen Erfahrung", erklärt die Parlamentarische Geschäftsführerin Nina Hauer. Das soll nun enden. "Wir sind die politische Kraft, die die wirtschaftliche Basis für soziale Gerechtigkeit herstellen muss", sagt Christoph Matschie. Und fragt skeptisch: "Ist Deutschland noch Weltspitze?" Solche Fragen kommen der "Parlamentarischen Linken" schwerer über die Lippen. Die Stieglers, Erlers, Müllers teilen nicht den wirtschaftseuphorischen Grundton der Netzwerker. Aber auf die Agenda-Politik haben sie sich gleichwohl eingelassen. Die Linke erhofft sich im Erfolgsfall "neue Gestaltungsspielräume".

"Wir wissen, was wir Gerhard Schröder verdanken"

Die "Seeheimer", die dritte Strömung, verstricken sich weniger in inhaltliche Debatten. Seit den Zeiten des Kanzlers Helmut Schmidt zeigen sich die "Rechten" in erster Linie am Erhalt der Regierung interessiert. "Wir wissen, was wir Gerhard Schröder verdanken", lautet ein Credo des obersten Seeheimers Reinhold Robbe. Es darf als programmatisch gelten.