Weiß Gerhard Schröder auch, was er Müntefering verdankt? Im Vorfeld der jüngsten Abstimmung hat der Fraktionschef alles getan, die Abweichler einzufangen. Nach 47 Einsprüchen gegen die Reformgesetze zum Arbeitsmarkt kam es zu lauter einsehbaren Verbesserungen: dass Kinder nicht für ihre arbeitslosen Eltern zahlen müssen oder umgekehrt, dass Arbeitslose nicht über Gebühr ihre Ersparnisse für die Altersversorgung antasten müssen, dass nicht für jeden Arbeitslosen, unabhängig von Qualifikation und Vergütung, jeder Job zumutbar ist: All das sind Änderungen, die auch ohne den Druck der Dissidenten hätten möglich sein sollen. Nun dürfen sie sich den Erfolg auf die Fahne schreiben – ganz so unwichtig, wie man in der Fraktionsspitze meint, sind diese einfachen Abgeordneten offenbar doch nicht.

Eine selbstbewusste Minderheit in der Fraktion und Münteferings Festlegung, die Regierung benötige "bei allen Gesetzen in der Koalition die eigene Mehrheit" – das kann spannend werden. Denn die "eigene Mehrheit", Münteferings kostbarstes Disziplinierungsinstrument, ist zugleich die Messlatte für das endgültige Regierungsversagen. Sie liegt hoch.

Zumal bislang im Bundestag rot-grüne Entwürfe abgestimmt werden. Wenn die aber demnächst aus dem Vermittlungsausschuss zurückkommen – verschärft durch die Änderungswünsche der Union –, kommt die wirkliche Probe auf die eigene Mehrheit.

"Herr Bundeskanzler, Sie haben die volle Unterstützung der SPD-Bundestagsfraktion für diese Politik", hat Franz Müntefering in seiner Rede am 14.März 2003 angekündigt. Bald wird er wissen, ob er sein Versprechen wahr machen kann.