Wie ein Warhol aus der Steinzeit, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, zog Christian Jankowski hinaus in die schöne bunte Warenwelt, pirschte durch die Gänge eines Supermarkts, schoss sich ein Joghurt, schob schließlich einen Einkaufswagen voller Trophäen zum Ausgang, wo die Kassiererin – ein wenig verdutzt, aber ohne Widerrede – mit dem Eintippen begann. Offenbar kam ihr das künstlerische Beutemachen nicht weiter komisch vor, es war aufgehoben in Normalität. Die Kunstwelt aber zeigte sich äußerst beeindruckt. Das war 1991. Heute gilt das Jagd- Video bereits als Klassiker, und Jankowski, Jahrgang 1968, kann sich vor Anfragen und Aufträgen kaum noch retten.

In London feiert ihn die Lisson-Gallery gerade mit einer größeren Ausstellung, auch in Athen, in Düsseldorf und Seoul ist er in diesen Wochen zu sehen, und das Basler Museum für Gegenwartskunst gönnt ihm sogar eine kleine Retrospektive (bis zum 7. Dezember). Alle hoffen sie auf seinen Witz, auf seine kunstvollen Verdrehungen. Endlich mal keine Theorie, kein raunendes Sinngehuber, endlich ein Künstler, der lacht. Die Rolle der großen Humorhoffnung des deutschen und internationalen Kunstbetriebs findet Jankowski allerdings nur bedingt lustig. Gut, er schmunzelt jungenhaft, wenn er von seinen Erfolgen erzählt. Er liebt es, geliebt zu werden. Und doch wird ihm reichlich klamm zumute, wenn er an die nächsten Aufträge denkt, an die übermütigen Ideen, die man von ihm erwartet und die ihm so selten nur einfallen.

Kunstwerk verzweifelt gesucht – das ist für ihn fast schon ein Lebensmotto und außerdem der Titel eines Videofilms, der Jankowskis Gespräch mit einem Therapeuten zeigt, von dem er sich die Auflösung seiner Blockade erhoffte. Er bekam eine ausstellungsreife Reflexion über künstlerische Kreativität. Immer wieder sucht sich Jankowski solche Helfershelfer, er bindet sie ein und an, spinnt seine Ideen wie Fäden und lässt sein Gegenüber als Kunstpuppe tanzen. Vor vier Jahren etwa, als er zur Biennale nach Venedig eingeladen war und partout nicht wusste, was er in den heiligen Hallen zeigen sollte, rief er einige der in Italien sehr beliebten TV-Wahrsager an und fragte sie, ob ihm ein gutes Werk gelingen, ob er Anerkennung finden werde. Alle prophezeiten ihm eine große Zukunft – und behielten Recht, denn der abgefilmte Dialog zwischen radebrechendem Künstler und wortreichen Kartenlegern sorgte für allgemeine Erheiterung. In der abstrusen Konfrontation erkannte die Kunstgemeinde lachend sich selbst und das eigene pseudomagische Gehabe, das aus einem Künstler subito einen Jungstar macht und aus Nichtigkeiten Meisterwerke.

Mit den eigentümlichen Riten und Regeln der Kunst beschäftigt sich Jankowski besonders gern. Vor kurzem erst engagierte er einen Magier, einst Assistent des populären David Copperfield, und ließ ihn bei einer Vernissage das Publikum in eine Herde Schafe verwandeln; blökend und ein wenig ängstlich durchzottelten sie die nackten weißen Räume. Auch in Hamburg musste ein Zauberer ran, sagte sein Sprüchlein auf, und – puff – war aus dem Kunstvereinsdirektor ein blasiert dreinblickender Pudel geworden. Und sich selbst schonte Jankowski auch nicht, er ließ sich in eine weiße Taube verwandeln, die drei Wochen lang an seiner statt die Räume einer Galerie durchflattern musste, leise gurrend, hier und da einen weißen Klecks hinterlassend. Jankowski spielt mit den Klischees des Kunstbetriebs, mit dem Gutglauben der Besucher und der vermeintlichen Reinherzigkeit der Künstler. Auch die alte Hoffnung der Avantgarden, dass sich mit und in ihren Bildern die Welt verwandeln könne, wird in seinen Aktionen ins Aberwitzige gewendet.

Doch Jankowski ist kein Zyniker, eher ein Narr am Hofe der Kunst, der den ganz normalen Irrwitz aufspürt und übersteigert, ohne dabei irgendwem ernsthaft weh zu tun. In Berlin zum Beispiel war er in die Endauswahl für einen hoch dotierten Künstlerpreis gekommen, doch kam ihm dieser Wettbewerb fürchterlich grotesk vor. Der eine malte, der nächste baute eine Mauer, der dritte stellte Betten aus – wie sollte man das vergleichen? Also entwickelte Jankowski eine Video-Installation, in der alle vier Teilnehmer gewinnen durften. Er engagierte vier Laudatoren und ließ vier Preisreden halten. Der Kunstbetrieb ist für ihn eine Familie, da soll niemand ausgegrenzt werden, erst recht nicht er selbst. Lange hat er schließlich ums Dazugehören kämpfen müssen, viele Male hatten sie ihn abgelehnt, damals, als er sich in Hamburg zum Kunststudium bewarb. Eigentlich wusste er selbst nicht genau, warum es ausgerechnet die Künste sein sollten. Bis dahin war es immer die Musik gewesen, er hatte in einer Band Gitarre gespielt, sogar beim Altstadtfest in Göttingen waren sie aufgetreten. Doch nach dem Abitur zerschlug sich die Gruppe, eine neue musste her – und sie fand sich an der Hochschule, später, als Jankowski nicht länger warten wollte und zunächst schwarz studierte. Er traf Leute wie John Bock oder Jonathan Meese, die heute ähnlich erfolgreich sind wie er, und lud sie ein in seine Ladenwohnung zu ersten Ausstellungen. Das Schaufenster wurde zur ersten Bühne seiner Inszenierungslust.

Seither hat er viele Podien des Theatralischen gestürmt, mittlerweile ist das fast Routine. Nur neulich, als er sich aus dem Zirkel der Westkunst hinausbegab und für ein Museum in Seoul eine Ausstellungsidee entwickeln sollte, fehlte ihm plötzlich der richtige Sparringspartner. Lange musste er suchen, bis er schließlich auf das Phänomen Karaoke stieß, das in Korea eine Art Volkssport ist. In den Singebüdchen darf sich jeder für ein paar Minuten als Star fühlen, wählt ein Lied, dazu ein Videofilmchen, das wie eine bewegte Fototapete im Hintergrund flimmert – und beginnt zu singen. Irgendwie erkannte Jankowski sich wieder, in diesem Als-ob, im Pseudo-Gedudel, in der desillusionierten Illusion. Kurzerhand drehte er selbst ein paar belanglose Einspielfilme mit sich selbst in der Hauptrolle, und bald schon wird der Künstler-Schmonzes ins große Karaoke-Geschäft eingespeist und demnächst auch weltweit vertrieben. Jankowskis Augen glühen, wenn er davon erzählt, nur seine Stimme klingt merkwürdig kleinlaut. Dem Narren ist plötzlich ganz unnärrisch zumute, insgeheim spürt er, dass diesmal er selbst die Kunstpuppe sein könnte, zappelnd an den Fäden der anderen.