Arm und zugleich krank zu sein ist nie eine Freude. In Großbritannien ist es ein Albtraum. Wehe, man muss seinen lädierten Knöchel röntgen lassen und ist auf das staatliche Gesundheitssystem angewiesen – drei Monate Warten auf den Termin im Krankenhaus sind nicht ungewöhnlich. Selbst wenn lebenswichtige Operationen anstehen, etwa das Einsetzen von Herzschrittmachern, müssen Kranke sich lange gedulden. Manchmal zu lange. 1,2 Millionen Menschen beschäftigt der National Health Service, aber das tröstet die Wartenden wenig. Nicht jeder überlebt das britische System.

Wenn die Engländer wüssten, wie es Patienten in Norwegen geht, würden sie sich vielleicht nicht mehr in ihre feine Ironie retten, sondern ihre Wut herausschreien. In Norwegen kommt es vor, dass Rheumakranke für vier Wochen auf die Kanaren geschickt werden – auf Kosten des Systems. In den Pflegeheimen fehlt es nicht an Personal. Und weil es den Krankenhäusern an Schwestern und Ärzten mangelt, locken die Norweger mit hohen Gehältern und guten Arbeitsbedingungen Fachkräfte aus Deutschland und anderen Ländern des Kontinents an. Die notwendigen Sprachkurse zahlen sie auch.

Zwei Welten, ein System. In beiden Ländern kommt der Staat weitgehend für die Gesundheitsversorgung auf, oder besser: der Steuerzahler. Der eine Sozialstaat, Großbritannien, liefert nur das Allernötigste. Der andere, Norwegen, kümmert sich ungleich intensiver um seine Bürger. Auch in den anderen skandinavischen Ländern ist das trotz aller Reformen und Einschränkungen der Wohlfahrtsstaaten bis heute so. Der Unterschied zu den Briten hat viele Gründe, aber eines scheint für das Ausmaß der Fürsorge nicht ausschlaggebend zu sein: die Art der Finanzierung. Auch der steuerfinanzierte Sozialstaat kann umfassende Leistungen anbieten, wenn die Gesellschaft es wünscht.

Vielleicht besteht Angela Merkels größtes Problem ja darin, dass die skandinavischen Sozialstaaten in jüngster Zeit etwas aus dem Blick geraten sind. Die CDU-Parteivorsitzende will Deutschland ein wenig näher an Norwegen und Großbritannien heranrücken – für Teile ihrer Partei viel zu schnell und viel zu weit. Merkel will den Ausgleich zwischen Arm und Reich von der gesetzlichen Krankenversicherung auf den Staat übertragen.

An Bismarcks Denkmal wird gerüttelt

Dann wäre das Gesundheitssystem kein Instrument zur Herstellung von Gerechtigkeit mehr, sondern funktionierte in etwa wie eine Haftpflichtversicherung: Jedes Mitglied bezahlt denselben Beitrag. Was der Arbeitgeber bisher an Barmer oder AOK bezahlt, bekommt der Arbeitnehmer ausgezahlt. Er muss dafür seinerseits an seine Kasse eine Prämie von etwa 260 Euro entrichten. Damit Geringverdiener nicht das Nachsehen haben, bekommen sie am Monatsende einen Ausgleich über ihre Steuern. Und wer überhaupt keine Steuern bezahlt, erhält direkte Zuschüsse vom Staat, ähnlich dem Kindergeld.

Es geht um ein Reformprojekt, bei dem mindestens 25 Milliarden Euro anders verteilt würden als bisher. Der Solidarausgleich würde durch das Steuersystem hergestellt – was Merkel für sozialer hält, während es Teile ihrer Partei in Angst und Schrecken versetzt. Die CSU kündigte Widerstand und Gegenkonzepte an, Exminister Horst Seehofer gibt sich "schockiert", und Norbert Blüm, Seehofers Vorgänger im Gesundheitsministerium, warnte davor, dass mit der Kopfpauschale der "Überwachungsstaat" näher rücke. In den Zeitungen konnte die Parteichefin derweil über sich lesen, sie wolle weite Teile der Bevölkerung "als Bittsteller auf das Sozialamt" schicken (Berliner Zeitung) und zerreiße nebenher "die Prinzipien, auf denen die deutsche Sozialpolitik bisher steht" (Süddeutsche). Man könnte meinen, Merkel wolle die Krankenversicherung abschaffen und nicht bloß anders finanzieren als bisher.

Besucher aus Norwegen oder Schweden reiben sich angesichts der kollektiven Empörung die Augen. Es soll ja bloß ein Prinzip eingeführt werden, das in ihren Ländern längst Alltag ist: Solidarität wird mittels Steuern erzeugt. Und auch das wird nicht so schnell Gesetz – die notwendigen großkoalitionären Mehrheiten im Bundesrat sind auf Jahre nicht in Sicht. Doch wenn an den Grundfesten des Bismarckschen Sozialmodells gekratzt wird, reicht das für ein mittleres Beben in Volksparteien wie der CDU/CSU.