Das einst als mafiose Bärenhöhle verrufene Russland kann sich vier Jahre nach dem hausgemachten Chaos der Jelzin-Zeit auch als Wirtschaftspartner wieder gesellschaftsfähig fühlen. Die 20. Begegnung von Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzler Gerhard Schröder in Jekaterinburg erinnerte an ein harmonisches Treffen zur allrussischen Standortförderung. Nach dem Irak-Intermezzo ruhen die deutsch-russischen Beziehungen erneut auf der Wirtschaftsachse. Allerdings könnten die Staatschefs vor lauter Jubel die Bodenhaftung verlieren.

So musste der Abschluss eines Vorvertrages zur geplanten Ostsee-Erdgaspipeline, den sich die Politik als Showeffekt wünschte, wegen ungeklärter ökonomischer Fragen verschoben werden. Er wird die Krönung für Deutschland sein, das bereits jetzt mit 17 Prozent den höchsten Anteil aller Auslandsinvestitionen in Russland stellt.

Der neue Charme der russischen Wirtschaft ist ein Erfolg für die Reformpolitik Putins, der sein Land im Windschatten eines unerwartet hohen Ölpreises vorläufig stabilisieren konnte. Seine Bilanz glänzt nach fünf Jahren ungebrochenen Wachstums mit voraussichtlich sechs Prozent in diesem Jahr. Der Staat nimmt mehr ein, als er ausgibt, und die Devisenreserve wächst auf 65 Milliarden Dollar an. Pünktlicher Schuldendienst und weitreichende Reformen im Steuer-, Konkurs- und Bodenrecht, das Ausländern sogar den Erwerb von Grundbesitz erlaubt, greifen als vertrauensschaffende Maßnahmen des Staates. In der russischen Privatwirtschaft wächst die Zahl der Firmen, die wie das Ölunternehmen Yukos internationalen Investitionen oder den Märkten zuliebe Transparenz anstreben und modernen Regeln der Unternehmensleitung folgen.

Die Belohnung folgte vergangene Woche, als die Ratingagentur Moody’s die Bonitätsbewertung Russlands um zwei Stufen erstmals auf investment grade anhob und damit Regierungsobligationen auch für konservative Anleger adelte. Nun könnten auch Pensionsfonds Geld im Osten investieren.

Den lautesten Startschuss hatte zuletzt BP mit seinem 6,75 Milliarden US-Dollar schweren Einstieg in ein Gemeinschaftsunternehmen mit der russischen Ölfirma TNK gegeben. Doch nicht nur der boomende Energiesektor des Landes lockt Kapital an. Der Handelskonzern Metro denkt nach seinem Erfolg in Moskau an die Expansion in die Provinz. Siemens baut ein neues Hauptquartier in Moskau, die Alfred Ritter GmbH errichtet eine Schokoladenfabrik, und Osram übernahm einen Leuchtröhrenkonzern in Smolensk. Der französische Lebensmittelriese Danone steht Gerüchten zufolge vor dem Großeinstieg in den russischen Fruchtsaft- und Mineralwasser-Erfolgskonzern WimmBillDann. Den hat die Ratingagentur Standard & Poor gerade zur transparentesten Firma des Jahres gekürt. Als die Moskauer Börse dann auf ein neues Rekordhoch schnellte, reagierten manche Analysten euphorisch. Zumal das autoritäre Vorgehen unter Putin gegen die freien Medien und die Bürgergesellschaft beim Geschäftemachen wenig stört.

Doch allzu viel Enthusiasmus ist nach Meinung bedachtsamer Wirtschaftsexperten nicht angebracht. Die Rolle der Börse, an der die Anlagen der Investmenthäuser gering sind und die Spekulation groß ist, bleibt rudimentär. Ein ausländischer Investor braucht in Russland weiterhin Vorsicht und einen langen Atem. Die russische Bürokratie, die Anträge schon der falschen Papierfarbe wegen ablehnt, und die Korruption hängen aneinander wie siamesische Zwillinge. Putins Reformpolitik hat im vergangenen Jahr erheblich an Fahrt verloren, da besonders unpopuläre und schmerzhafte Schritte bei der Energieversorgung, bei der Umgestaltung des Bankensektors und der öffentlichen Verwaltung anstehen. Die einträglichen Energieexporte und der Prestigegewinn der russischen Wirtschaft könnten die Regierung zudem in Selbstzufriedenheit wiegen, die ein fallender Ölpreis später bestrafen würde.

In der Privatwirtschaft bleiben noch immer 70 Prozent der Eigentümer in den 45 größten russischen Firmen geheim. Zudem raten Analysten von einer Investition in Branchen ab, die noch nicht innerrussisch konsolidiert sind. Dem Krokodilsringen der Oligarchen fallen ausländische Geldgeber schnell zum Opfer. Erst in einem aufgeteilten Markt zählen langfristige Entwicklungsperspektiven.

Putins Wiederwahl im März nächsten Jahres gilt als sicher, und er scheint entschlossen, die wirtschaftliche Modernisierung voranzutreiben. Aber im internen Kreml-Machtkampf zwischen den Liberalen und der Fraktion ehemaliger Geheimdienstler, die Russlands Großunternehmen stärker unter Kontrolle nehmen möchten, hält sich der Präsident bedeckt. Als Putin und Schröder in Jekaterinburg einander herzten, durchsuchten Staatsanwälte in ihren seit drei Monaten andauernden Ermittlungen gegen Yukos in Moskau das Büro eines Parlamentsabgeordneten und die Kanzlei eines Anwalts, der einen Beschuldigten vertritt. Der Protest der Moskauer Anwaltskammer und des Vorsitzenden des Duma-Ausschusses für Gesetzgebung verhallten ins Nichts. Die Staatsanwaltschaft, die in Russland zu politischer Auftragsarbeit neigt, riet den Betroffenen ganz ohne Spott, doch zu klagen. Die Durchsuchungen könnten eine weitere Warnung vor dem möglichen Einstieg von ExxonMobil beim neu gebildeten Ölkonzern YukosSibneft darstellen. Denn den Verfechtern des Staatsdiktats würde eine ausländische Beteiligung die Kontrolle und Gängelung erschweren.