Die moderne Gesellschaft ist durch einen seltsamen Widerspruch gekennzeichnet: Je mehr Macht die Dinge über den Menschen gewinnen, desto bedeutungsloser werden sie. Binnen immer kürzerer Zeit rangieren wir all die schönen Sachen aus, an denen unser Herz gerade noch hing. Luxusautomobile, Handys und Designerkleidung kosten nach wenigen Jahren nur noch einen Bruchteil des ursprünglichen Preises. Wert scheint nur das zu behalten, was einzigartig ist und sich der gewöhnlichen Verwertung entzieht – etwa Schmuckstücke, Kunstwerke oder klassische Liebhaberfahrzeuge. Der Frankfurter Ethnologe Karl-Heinz Kohl hat das passende Buch zu diesem gesellschaftlichen Phänomen geschrieben, denn es ist das "sakrale Objekt", das den "Prototyp eines außergewöhnlichen Gegenstands" darstellt.

Die Verwandlung mehr oder weniger gewöhnlicher Dinge in sakrale Objekte lässt sich vortrefflich am Beispiel des westafrikanischen Fetischkults beobachten. Dieser geht auf das Wort feitiço zurück, das portugiesische Seefahrer Ende des 15. Jahrhunderts für die Gebräuche der Einheimischen prägten, die sonderbaren Gebilden aus Lehm, Knochen, Fellen und Steinen schützende und heilsame Wirkungen zusprachen.

Dass der westafrikanische Dämonenglaube zu einem erheblichen Teil der katholischen Missionierung zu verdanken war, erkannten nachfolgende Reisende und Forscher sehr schnell. Zahlreiche Fetische waren nach dem Vorbild von Heiligenfiguren gestaltet und ahmten europäische Gebräuche nach. Als "Zerrbilder des Eigenen" bedeuteten die fremden Idole einen doppelten Skandal: Sie waren Ausdruck eines überwunden geglaubten Götzenkults, der sich zudem an den Gegenständen selbst entzündete, in denen sich die dämonischen Kräfte materialisierten.

Der Streit um die Abbildung Gottes stellt ein wesentliches Element in der Geschichte sakraler Objekte dar. Der Durchsetzung des biblischen Bilderverbots, das zur Ausprägung des Monotheismus beitragen sollte, war bekanntlich kein großer Erfolg beschieden. Schon im Frühchristentum wurden Kirchen mit bildlichen Darstellungen geschmückt, Ikonen und Heiligenstatuen verbreiteten sich, ein blühender Märtyrer- und Reliquienkult entstand, der nach der Reformation in der Pracht der Reliquiare und Altäre fortlebte.

Entsprechend sah die Aufklärung sowohl in der katholischen Religion als auch im Fetischkult magische Praktiken der "Heilssuche" (Max Weber), die dringend der Entzauberung bedurften. Nach der Übertragung des Begriffs "Fetischismus" auf anachronistische Formen des Aberglaubens durch Charles de Brosses verurteilt Kant das "Fetischmachen" als rein äußerlichen Versuch, in den Besitz der göttlichen Gnade zu gelangen, während Hegel den Fetischdienst der Afrikaner für Sklaverei, Despotismus und Kannibalismus verantwortlich macht. Für Marx verschleiert der "Fetischcharakter der Ware" die menschliche Arbeit als Quelle der Wertschöpfung und führt zur Verdinglichung sozialer Beziehungen. Nach Freud stellen Fetische dagegen libidinöse Ersatzobjekte dar, die anstelle der begehrten Person sexuelle Befriedigung versprechen.

Fetische teilen mit sakralen Objekten vor allem den symbolischen Charakter. Sie sind Ausdruck für etwas anderes, das sich in ihnen materialisiert. Kultobjekte entstehen durch die – im Grunde willkürliche – Übertragung von Glaubensvorstellungen, Hoffnungen oder Bedürfnissen auf einen Gegenstand. Sakrale Dinge unterscheiden sich von Gebrauchs- und Tauschgütern, so Kohl, "durch ihre praktische Nutzlosigkeit, ihre Separierung von der Welt des Profanen, ihre reine Zeichenhaftigkeit und ihre Unveräußerlichkeit".

Aufgrund ihres arbiträren Symbolcharakters können ganz unterschiedliche, zumeist alltägliche Gegenstände zu sakralen Objekten verklärt werden. Der durch Jakob gesalbte Stein von Beth-El, die heiligen Bündel der nordamerikanischen Indianer, die totemistische Anbetung von Tieren und Pflanzen bei außereuropäischen Naturvölkern, der australische Ritus um die steinförmigen Tjurungas und die heilbringenden Minkisi-Figuren der BaKongos stehen genauso wie die griechischen Götterstatuen für die Erwartung, auf dem Weg der Verkörperung in den Besitz transzendenter Kräfte zu gelangen.