In Kalifornien heulte der Mob und brachte am Potomac die Fenster zum Klirren. Werden die Barbaren jetzt wieder gen Osten marschieren – wie in den späten Siebzigern nach Inkrafttreten der berühmten Steuerreform? Oder haben wir es nur mit einer weiteren Vollmondverrücktheit der Westküste zu tun, ohne große Auswirkungen für die Nation? Die tiefere Bedeutung von Arnold Schwarzeneggers Triumph des Willens hängt davon ab, wie man die Unzufriedenheit der Bevölkerung interpretiert, die bei der Abwahl des Gouverneurs Davis für den emotionalen Zündstoff sorgte. Die Analyse dieser Wahl ist ein Abenteuer, sie hat es mit bestürzendem Widersinn und Widersprüchlichkeiten zu tun; doch gibt sie vielleicht einen Ausblick auf die zukünftige Landschaft der amerikanischen Politik.

Die harten Befürworter einer Zero-Government-Ideologie und eines McKinsey-Kapitalismus feiern die Abwahl von Gouverneur Gray Davis als neue Volksrevolution im Geist von Howard Jarvis, dem Initiator der berühmten Proposition 13 im Jahr 1978, einer direkt demokratisch beschlossenen Gesetzesinitiative zur Halbierung der Steuern. Sie wiederholen die Behauptungen der örtlichen Republikaner, ein bestechlicher demokratischer Gouverneur habe zusammen mit Gewerkschaften und Sozialhilfeempfängern der freien Wirtschaft den Saft abgedreht und die hart arbeitende Mittelschicht mit ungerechten Steuererhöhungen in den Nachbarstaat Arizona getrieben. Gray Davis ist für sie, kurz gesagt, der Antichrist, der im Namen seiner habgierigen Wählerschaft aus Lehrern, illegalen Einwanderern und reichen Indianern den goldenen kalifornischen Traum zerstört hat. Der Terminator musste also an die Macht, um Kalifornien vor dem Abgrund nie endender Steuern zu retten.

Eskalierende Furcht vor den mexikanischen Einwanderern

Von außen betrachtet, scheint das lächerlich. Davis hat Kalifornien in den letzten fünf Jahren wie ein guter Republikaner regiert. In der Finanzpolitik, im Gefängnis- und Bildungswesen wie auch beim Ölen des Industriegetriebes wich er nicht weit vom Kurs seines republikanischen Vorgängers Pete Wilson ab. Davis war ein derart begeisterter Gefängnisbauer und Unterzeichner von Todesurteilen, dass Verbrechen und Strafe den Rechten als Wahlkampfthemen abhanden kamen.

Sollte die kalifornische Mittelschicht irgendeinen Grund zu der Annahme haben, in den letzten Jahren vergewaltigt und ausgeraubt worden zu sein, sind die Schuldigen in jedem Fall Schwarzeneggers graue Eminenz Pete Wilson, der mit der Privatisierung der öffentlichen Versorgungsbetriebe anfing, und Energiekonzerne wie Enron, von denen die kalifornischen Verbraucher während der vorgetäuschten Energiekrise von 2000/2001 ausgeplündert wurden. Es war die Bush-Regierung, die den bankrotten Regierungen von Staaten und Gemeinden in ganz Amerika nahe legte, sich "zum Teufel zu scheren", während sie Milliarden US-Dollar in das von ihr selbst geschaffene schwarze Loch im Irak schaufelte.

Die Finanzkrise sollte eigentlich Wahlkampfthema der Demokraten sein. Seltsam also, dass zwei Drittel der Wähler im Megastaat entweder die heimliche Rückkehr von Pete Wilson wünschten, dem Hirn in Arnies Muskelpracht, oder für einen rechten Scharlatan stimmten: Tom McClintock. Das sind Wahlergebnisse, wie man sie eher aus den traditionellen Hochburgen der Grand Old Party erwartet, aus Idaho oder Wyoming, aber nicht von der viel gepriesenen Links-Küste.

Wirft man einen genaueren Blick, wird die Abwahl der Demokraten noch merkwürdiger. Hier in San Diego, wo ich wohne und die Bewegung ihren Anfang nahm, profitierte Schwarzenegger von einer Unzufriedenheit, die aus dem Nichts zu kommen schien. Die Bürger müssen weder Zwangsräumungen über sich ergehen lassen noch die Milch für ihre hungernden Babys stehlen. Im Gegenteil: Der Wert eines mittleren Einfamilienhauses ist vergangenes Jahr um fast 100000 Dollar gestiegen, die Gegend wurde reichlich mit Pentagon-Dollars überschwemmt. Die Stadtautobahnen sind voll von Hummer-Trucks und anderen Megageländewagen; es ist ein Luxusleben, wohlversorgt von braunhäutigen Hilfskräften, das im Nachglühen von Bushs Steuersenkungen gedeiht. Und doch wurden die Vorstädte von San Diego wochenlang von Wut gegen das "satanische Regime" in Sacramento geschüttelt. Umfragen direkt nach der Stimmabgabe zeigten, dass in San Diego wie in ganz Kalifornien die Unterstützung für Schwarzenegger proportional mit dem Einkommen stieg und in Country-Clubs und bewachten Wohnanlagen am höchsten war.

Welche Erklärung gibt es für die erstaunliche Mobilisierung ausgerechnet der Wohlhabenden? In San Diego, meinem persönlichen Mikrokosmos, könnte man einen Teil der Antwort auf diese Frage bei einem Rundfunksender am unteren Ende der Mittelwellenskala finden. Roger Hedgecock, seines Zeichens "Rundfunk-Bürgermeister von San Diego", ist der Chef von KOGO 600, jenem Sender, der sich bereits vor dem offiziellen Wahlkampfbeginn den stolzen Namen Radio Abwahl gab. Hedgecock, ein des Amtes enthobener Bürgermeister, der in den siebziger Jahren der Verschwörung und des Meineids angeklagt war, rühmt sich, den entscheidenden "Schub" bewirkt zu haben. Republikaner bestätigen, dass er die einflussreichste Stimme in Südkalifornien war.