Am 4. Oktober hat die Führung der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei SVP zur "Allgemeinen Mobilmachung" getrommelt. Das SVP-Fußvolk bekam Order: "Um 11.00 Uhr heißt es Antreten im AlpenRock House am Flughafen Zürich-Kloten. Entlassung ist um 14.00 Uhr." Zum Auftakt redete sich Ueli Maurer, der Chef der größten Schweizer Partei, hinter seinem Holzpult in Rage: "Den von der älteren Generation mit Fleiß und Bescheidenheit erarbeiteten Wohlstand haben wir nicht weiter ausgebaut." Heute sei die Schweizer Heimat der große Verlierer.

Hat der SVP-Präsident Recht? Es sieht fast so aus. Kurz vor den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag steckt das erfolgsverwöhnte Land, in dem einst mehr Millionäre als Arbeitslose lebten, in der schwersten ökonomischen Krise seit Jahren: Die Wirtschaft schrumpft beständig. Seit Oktober 2002 geht das Bruttoinlandsprodukt zurück. Auch in den restlichen Monaten 2003 werde man "noch nicht in den Bereich positiver Wachstumsraten vorstoßen", lautet die wenig erfreuliche Prognose der größten Schweizer Bank UBS.

Rund 166 000 Frauen und Männer suchen derzeit zwischen Bodensee, Jura und Lago Maggiore einen Job. Die Erwerbslosenquote ist innerhalb eines Jahres um rund 25Prozent nach oben geschossen. "Noch haben wir den Gipfel nicht erreicht", warnt der Arbeitsdirektor im Staatssekretariat für Wirtschaft Jean-Luc Nordmann. "Die Arbeitslosigkeit wird bis Ende Jahr aus saisonalen Gründen weiter zunehmen."

Hinzu kommt: Immer mehr Firmen gehen Pleite. Von Januar bis September dieses Jahres wurden genau 7193 Konkurse eröffnet – eine Rekordzahl in der helvetischen Wirtschaftsgeschichte. Gleichzeitig verlieren die Großunternehmen an Glanz. Die Bank Credit Suisse (CS) untersuchte die Kreditwürdigkeit von 36 Firmen, vom ABB-Konzern bis zur Zürich-Versicherung. Das Ergebnis verheißt nichts Gutes: Während sich das Rating der meisten Prüflinge auf einem "tiefen Niveau" stabilisiert hat, mussten die CS-Inspekteure die restlichen Unternehmen abwerten. Nur eine einzige Firma, Ascom, machte Boden gut.

Ihr eigenes Unternehmen ließen die Credit-Suisse-Ökonomen in der Tabelle außen vor. Nach Milliardenverlusten im vergangenen Jahr hat sich der Riese vom Zürcher Paradeplatz in diesem Jahr gerade wieder berappelt – wie einige andere in der Branche auch. "Die Lage bei den Schweizer Banken hat sich etwas verbessert", sagt Bernd Schips, Leiter der Konjunkturforschungsstelle der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH).

Die mächtigen Geldhäuser des Landes, so der ETH-Konjunkturexperte, hätten das Zeug, die ganze Wirtschaft wieder nach oben ziehen. Zuletzt ließen Credit Suisse, UBS & Co im Boomjahr 2000 die Muskeln spielen. Die Banken schufen fast ein Drittel des gesamten Zuwachses. Doch jetzt glaubt am Zürcher Paradeplatz kaum noch jemand an eine schnelle Rückkehr der fetten Banking-Jahre.

Noch stärker als an seinen Bankiers hängt Helvetiens Schicksal am Ausland. Die Exporte machen mehr als ein Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung aus. Mehr als ein Fünftel der Ausfuhren geht in den "großen Kanton", wie Deutschland bisweilen genannt wird. Zwar lag der Anteil der Bundesrepublik am Schweizer Export in den achtziger Jahren noch fast doppelt so hoch, aber der nächstgrößte Abnehmer, die USA, kauft nur halb so viele Chemikalien, Maschinen oder Uhren aus der Alpenrepublik. "Zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders waren wir die reinsten Erhard-Profiteure", sagt Martin Neff, leitender Ökonom der Credit Suisse. "Heute ist die Abhängigkeit nicht mehr so stark, aber noch so eng, dass wir unter der Flaute jenseits des Rheins leiden."

Im Jahr 2002 hielten sich die deutschen Kunden besonders zurück. Zwar orderten die Deutschen zwischen Januar und August wieder etwas mehr beim südlichen Nachbarn, aber von einem normalen Geschäftsgang kann derzeit nicht die Rede sein. Insbesondere Produkte wie teure Luxusuhren finden nur wenig Interesse bei den konsumenthaltsamen Deutschen. Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank Jean-Pierre Roth spricht gar vom "Klumpenrisiko Deutschland".