Serbien sucht den Superstar

Belgrad

Leuchtendes Grün beherrscht dieser Tage die Plakatwände Belgrads. Massenhaft hat die serbische Bürgerbewegung Otpor Poster geklebt, auf denen eine stilisierte Fußballmannschaft vollzählig Aufstellung vor dem eigenen Tor genommen hat. Die Botschaft zum dritten Jahrestag des demokratischen Umsturzes lautet: Es gibt nichts zu feiern, nur etwas zu verteidigen. Immer noch droht der Rückfall in großserbischen Nationalismus, bleibt die Demokratie äußerst fragil.

Mehr Aufmerksamkeit als den Protestplakaten wird möglicherweise den meeresblauen Werbetafeln eines Fernsehsenders zuteil, der mit international bekanntem Einheitslogo seine neueste Show annonciert: Serbien sucht den Superstar. Auch diese Parole beschreibt die Verhältnisse nicht schlecht. Gesucht wird ein politisches Genie. Es soll das Balkanland nach Kommunismus, Kriegen und Wirtschaftsembargo aus dem Ruin in die Europäische Union führen, dem Volk eine neue Verfassung geben und die Korruption eindämmen und en passant die Kosovo-Frage klären. Sieben Monate nach den tödlichen Schüssen auf Ministerpräsident Zoran Djindjiƒ hat sein Nachfolger Zoran ◊ivkoviƒ noch nicht bewiesen, dass er die Lücke füllen kann. Und schon bald hat er dazu möglicherweise keine Gelegenheit mehr.

Denn neben der brüchigen Regierungskoalition DOS aus 17 Parteien hat ◊ivkoviƒ von seinem Vorgänger auch den Erzrivalen geerbt. Der serbisch-patriotische Expräsident Vojislav Ko∆tunica von der Demokratischen Partei Serbiens (DSS) möchte immer noch Premier werden und rechnet sich gegen Newcomer ◊ivkoviƒ bessere Chancen aus als gegen den charismatischen Djindjiƒ.

Zoran ◊ivkoviƒ kontert mit demonstrativem Selbstbewusstsein. Immerhin erreichen seine Popularitätswerte etwa den Stand des Ansehens, das Djindjiƒ unmittelbar vor seinem Tod hatte. Heute aber kann keiner gegen den posthumen Ruf des erfahrenen Politprofis ankommen. "Er ist einfach kein Djindjiƒ", tun die Menschen in Belgrad den zweiten Zoran ab. Zu Lebzeiten galt der kosmopolitische Djindjiƒ vielen Landsleuten zwar als zu intellektuell und wertorientiert. ◊ivkoviƒ aber, der nie eine Universität besuchte und seine politische Erfahrung vornehmlich als Bürgermeister der Großstadt Ni∆ sammelte, hat jetzt das gegenteilige Imageproblem. Er erscheint den Leuten suspekt, gerade weil er ihnen so ähnlich ist. Viele Belgrader spotten: So wie er können wir das Land ja auch selbst regieren.

Dabei hatte sich ◊ivkoviƒ mit der großen Säuberungsaktion gegen das organisierte Verbrechen, dem Djindjiƒ zum Opfer fiel, gut eingeführt. Dass die dunklen Limousinen der Mafia aus dem Belgrader Stadtbild verschwanden, war den meisten Serben schon ein paar Wochen Ausnahmezustand wert. Doch inzwischen sieht sich die Regierung täglich mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Fast nie werden sie von unabhängiger Seite verfolgt – den Medien fehlt der lange Atem genauso wie der Justiz. Weder bewiesen noch widerlegt, bleiben die Affären an ◊ivkoviƒs Leuten haften.

Davon profitiert der Kontrahent Ko∆tunica. Obwohl das wahlmüde Volk schon zweimal seinen Plan durchkreuzte, serbischer Präsident zu werden, ist Ko∆tunica der beliebteste Politiker Serbiens. Diese Popularität verdankt der meist miesepetrig dreinschauende Konservative nicht nur seinem kirchlich-orthodox gefärbten Nationalismus. Der letzte Präsident Jugoslawiens hat es auch stets verstanden, seinen Namen aus Korruptionsaffären herauszuhalten. Das Image des stocksteifen Saubermanns beschert ihm jetzt sogar einen möglichen Koalitionspartner.

Eine Vereinigung von Wirtschaftsfachleuten namens G17plus, schon 1996 gegründet und mit Djindjiƒs Regierung personell und ideologisch eng verzahnt, hat sich im vorigen Dezember zur Partei erklärt. In den Umfragen haben sich die ehemaligen Regierungsberater inzwischen zur dritten Kraft gemausert. Ihr wirtschaftsliberaler und europhiler Parteichef Miroljub Labus hat an sich mit Ko∆tunica wenig gemein. Dennoch strebt der Ökonomieprofessor ein Bündnis mit Ko∆tunica an, gegen den er noch bei den gescheiterten Präsidentenwahlen angetreten war.

Serbien sucht den Superstar

Diese Allianz hat Zoran ◊ivkoviƒ auszutricksen versucht: Am 16. November soll nach zwei gescheiterten Versuchen nun endlich ein serbisches Staatsoberhaupt gewählt werden. Die meisten Beobachter sind überzeugt, dass die erforderliche Wahlbeteiligung von 50 Prozent auch diesmal nicht erreicht wird. Weil sich weder Labus noch Ko∆tunica erneut blamieren wollen, boykottieren ihre Parteien die Wahl.

Dabei könnte ein ordnungsgemäß gewählter Präsident Serbien wenigstens einen Hauch staatlicher Normalität verleihen. Das wäre hilfreich in einem Land, von dem man nicht einmal genau weiß, wo es anfängt und aufhört. Verlaufen die Staatsgrenzen südlich oder nördlich des Kosovos? Oder gar mitten durch das internationale Protektorat hindurch, entlang einer ethnischen Demarkationslinie? Die jüngsten Wiener Gespräche zwischen Belgrad und Prishtina haben darauf keine Antwort liefern können. Ungewiss ist auch, wie lange Serbien noch ein föderaler Gliedstaat bleibt. Montenegro scheint entschlossen, die von der Europäischen Union im Kampf gegen balkanische Kleinstaaterei eingefädelte Vernunftehe mit Serbien schon im Jahr 2005 wieder zu lösen. Angesichts verschiedener Währungen und Zollsysteme hält diesen Staatenbund so wenig zusammen, dass ihn auch serbische Politiker mittlerweile für reine Zeitverschwendung halten. Die Föderation hat bisher weder eine eigene Hymne noch eine Flagge. Pässe mit dem Aufdruck "Serbien und Montenegro" sind vorsichtshalber gar nicht erst ausgegeben worden.