Es wird einem heutzutage nicht leicht gemacht, Kritik an etwas zu üben, das die Mode, den Trend oder jedenfalls eine erkennbare Bevölkerungsmehrheit auf seiner Seite hat. Bohlen bedenklich? Eine Mehrheit kauft ihn doch! Ausländer unglücklich? Eine Mehrheit mag sie nicht! Kinder unbeliebt? Die Mehrheit will Ruhe im Treppenhaus. Kritik an der Mehrheit steht unter dem Verdacht, undemokratisch oder, schlimmer noch, gegen den Markt gerichtet zu sein. Wer Aufklärung, Toleranz, Bildung oder andere Ladenhüter aus dem humanistischen Erbe verteidigen will, muss darauf gefasst sein, dass ihm die kläglichen Absatzzahlen seiner elitären Produktlinie unter die Nase gerieben werden. Nicht einmal dem Kommunismus ist es gelungen, die überlieferte Kultur so gründlich der Volksfeindlichkeit zu überführen, wie das der Marktwirtschaft gelungen ist.

Der Kulturkonservative, der also hierzulande arroganzhalber auf der Abschussliste steht, hat jetzt unerwartete Überlebenshilfe aus dem Weißen Haus bekommen. Wenn man CNN glauben darf, hat die Regierung eine neue Argumentationsstrategie von geradezu alteuropäischer Dialektik entworfen. Die Bomben im Irak, so hört man, die inzwischen fast täglich gegen die amerikanische Besatzung gezündet werden, zeigten keineswegs das Scheitern, sondern den Erfolg der Intervention. Na bitte! Das ist doch ein Wort. Am Widerstand des Volkes sollt ihr die Güte der Politik erkennen. Wer eben noch den amerikanischen Populismus fürchten zu müssen glaubte, fühlt sich warm verstanden. Aber selbst die europäischen Populisten sollten, ehe sie die geniale Spitzfindigkeit als Anlass zu neuerlichem Antiamerikanismus nehmen, für einen Moment innehalten. Die Psychoanalyse nämlich kennt das Gemeinte schon seit langem. Wo der Patient sich sträubt, ist er der Ursache seiner Krankheit ganz nahe.

Revolutionär ist allerdings die Übertragung auf die Politik. Was die Völker nicht wünschen, das wird ihnen helfen. Noch revolutionärer wäre die Übertragung auf die Wirtschaft. DaimlerChrysler etwa müsste sich nicht mehr über sinkende Umsätze bekümmern, sondern an ihnen erkennen, genau die richtigen Autos zu bauen. Das allerschönste Geschenk aber ist die mögliche Umkehrung der These: Wo keine Bomben gelegt werden, gibt es auch keine Rettung. Was dem Volk gefällt, kann nur nutzlos sein.

So lässt sich auch der Kulturkonservative wieder mit Volk und Markt versöhnen. Er braucht sie als Indikatoren für Schrott. Am Absatz sollt ihr den totalen Unwert erkennen! Nicht auszudenken, was passierte, wenn die schlechtesten Fernsehsendungen und die dümmsten Bücher nicht massenhaft konsumiert würden. Man müsste sie mühselig selbst anschauen oder lesen, um nach dem verborgenen Wert zu fahnden, der sich in der Abstinenz der Massen anzeigte. Seien wir ehrlich: Ein aufgeklärtes Publikum wäre die größte Bedrohung, die der Intellektuelle zu fürchten hätte. Aber, dem Herrn sei Dank, ist ein solches Publikum weder je geboren worden noch je zu erwarten.