Bernard Lacoste sitzt sehr aufrecht an einem wuchtigen Tisch im Konferenzraum der Firma, die seinen Familiennamen trägt. "Als Erstes müssen Sie wissen, dass wir eine alte Dame sind", sagt er. Ab und zu blickt er nach rechts zum Fernseher, der ohne Ton in einem Holzregal vor sich hin läuft. Er sieht dort Bilder von einem Tennisturnier. Gleich soll dort der französische Spieler Sebastian Grosjean antreten. Er wird eine zeitgemäße Variante des Lacoste-Hemdes tragen, das vor siebzig Jahren erstmals in Serienproduktion ging: ein Poloshirt mit kurzen Ärmeln, Rippenstrickkragen, Perlmuttknöpfen und aufgenähtem Stoffkrokodil, Typenbezeichnung "1212". Eine Sensation zu einer Zeit, als die Herren noch in ganz normalen Oberhemden Tennis spielten.

Bernard Lacoste redet gerne von der Geschichte des Familienunternehmens, das er seit 40 Jahren leitet. Es soll aber um die Gegenwart gehen, um das erstaunliche Phänomen, dass seit ein paar Jahren hippe Bands und Großstadtbewohner wieder in Lacoste herumlaufen. Ob der 72-Jährige überhaupt davon weiß?

"Vor Jahren gab es mal ein paar englische Bands, die Lacoste trugen", sagt er.

Sie meinen Oasis und Blur?

"Sie kennen sich aber gut aus."

Natürlich kenne er MTV. Aber zuschauen? Nein. "Heute ist Musik doch meist nur Krach", sagt er. Anders in den fünfziger Jahren. Damals studierte er in Princeton, New Jersey, Ingenieurwesen und fuhr oft nach New York, um Leute wie Louis Armstrong live zu sehen, damals, als Musiker noch Songs spielten, bei denen er eine Melodie erkennen konnte.

Bernard Lacoste hat die grauen Haare von links vorne nach rechts hinten gekämmt. Man könnte ihn für einen bedeutenden französischen Staatsmann halten, doch im Gegensatz zu Politikern gibt er nur ganz selten Interviews. Heute aber soll es um die Frage gehen, was passiert, wenn sich der Zeitgeist über ein Traditionsunternehmen wie La Chemise Lacoste senkt, einfach so. Auf einmal geht die Jugend in New York, Tokyo oder Berlin in Lacoste aus und kauft Abertausende von neuen und gebrauchten Polohemden der Firma. Eine alte Dame, um in Lacostes Bild zu bleiben, die plötzlich ganz viele junge Liebhaber hat.

Im Fernsehen ist Regenpause, und Bernard Lacoste hat Zeit, seine Unternehmensphilosophie zu erläutern. An der Wand gegenüber hängt ein riesiges Foto von 1927. Es zeigt, fast in Lebensgröße, einen lachenden jungen Mann, der mit einem Arm einen Pokal, mit dem anderen einen Tennisschläger umklammert: René Lacoste, der Vater, der in den zwanziger Jahren zweimal in Wimbledon gewann. Berühmt auf der ganzen Welt wurde er aber dafür, dass er bei seinen Spielen dieses kurzärmlige Hemd trug, wie er es bei Polospielern gesehen hatte, diesem aber zusätzlich einen Kragen gab.