Als wir vor wenigen Wochen per E-Mail von der Möglichkeit erfuhren, das erste Kapitel von Joanne K. Rowlings neuem Potter- Roman am 3. November unentgeltlich vorab zu drucken, habe ich nicht eine Sekunde gezögert. Aber da bei uns die Redaktion basisdemokratisch abstimmt, habe ich allen vom Angebot des Verlages erzählt, und wir haben uns dafür entschieden. In Zeiten, in denen der Sozialstaat wegbricht und Obdachlose wieder zu erfrieren drohen, muss man jeden Strohhalm ergreifen, um die Öffentlichkeit auf die Probleme aufmerksam zu machen. Auch mithilfe von acht Seiten Harry Potter in unserer Zeitung. (Obwohl ich, das muss ich zugeben, noch kein einziges Buch über diesen Zauberer gelesen habe. Ich habe inzwischen allerdings erfahren, dass er bei seinen Stiefeltern unter der Treppe schlafen muss.)

Kaum hatten wir die Nachricht von Harry Potter in der Stütze verbreitet, zum Beispiel über ein lokales Radio, guckten schon die ersten Kinderaugen in unseren Vertriebsbus. Ist es nicht wunderbar, dass sich dank einer sozial engagierten und ursprünglich selbst arbeitslosen Autorin unzählige Kinder wieder auf Literatur freuen und trotz Fernsehdauerberieselung und Videospielen fanatisch lesen?!

Im Gegensatz zu uns hat die Wiener Obdachlosenzeitung Augustin das Angebot abgelehnt, weil die Redaktion nicht als PR-Vehikel missbraucht werden wollte – meiner Meinung nach eine naive Sichtweise. Frau Rowling hat es bei dem internationalen Rummel um ihre Bücher nicht nötig, uns als Werbetrommel zu benutzen. Wenn aber zum Beispiel die Chefin der Obdachlosenzeitung BISS in München erklärt, sie habe zu viele wichtige aktuelle Themen im Blatt und deshalb keinen Platz mehr für Potter, kann ich das verstehen. Aber die BISS ist mit 30000 Exemplaren und diversen Patenschaften Prominenter auch gut eingedeckt. Wir müssen härter ums Überleben kämpfen.

1,20 Euro kostet eine Stütze, davon bekommt der Verkäufer 80 Cent. Für Redaktion, Herstellung und Vertrieb der Zeitung bleiben 40 Cent pro Exemplar. Von einer Auflage wie der des Londoner Big Issue mit weltweit 400000 Zeitungen können wir nur träumen. Normalerweise drucken wir 10000 Stück pro Ausgabe. Aus dem Bauch heraus schätze ich, dass es dieses Mal mindestens 15000 werden, und wir werden sicherlich nachdrucken müssen.

Allerdings würden unsere 80 bis 120 Verkäufer auf den Straßen und in den S-Bahnen irgendwann ein logistisches Problem bekommen. Sie sind Stress nicht gewöhnt, und wenn bei ihnen zu viel Geld in die Taschen kommt, sinkt der Reiz, zu verkaufen. Zumal viele Verkäufer Suchtprobleme haben: Drogenprobleme, Spielsucht, Kaufsucht. Eine der wichtigsten Funktionen der Stüt ze ist es, die Beschaffungskriminalität einzudämmen. Als Schreiber beschäftigen wir eigentlich nur professionelle Journalisten, wir hatten auch schon Artikel von Franz Alt und dem Dalai Lama im Blatt. Wenn in der Vergangenheit ein Obdachloser einen Artikel angeboten hat, habe ich mich aber auch schon mal drei Stunden hingesetzt, und dann haben wir redigiert.

Jetzt, bei Harry Potter, wird es nichts zu redigieren geben: Wir werden das erste Kapitel "kurz vor der Veröffentlichung" erhalten, heißt es – mehr wissen wir auch nicht. Der genaue Termin wird uns natürlich ganz bewusst verschwiegen; das ist aber auch in unserem eigenen Interesse, denn das Gut Potter ist einfach zu wertvoll. Wir wissen noch nicht einmal, auf welchem Weg der Text zu uns kommen wird.

Neben der ganzen Geheimhaltung war für den Potter- Vorabdruck auch Grundbedingung des Verlages, dass wir uns bei einem der beiden großen Straßenzeitungsverbände akkreditieren. Da wir schon immer über unseren nationalen Tellerrand geguckt haben, kam für uns nicht der deutsche Verband, sondern nur das in London ansässige "International network of streetpapers" infrage. Wir mussten unsere Bewerbung komplett in Englisch formulieren, dann prüfte der Verband, ob wir einer Mitgliedschaft würdig seien. Es war ein einziger Run gegen die Zeit. Aber daran sind wir gewöhnt. Als wir für unsere vergangene Ausgabe Künstler aus Deutschland, Israel und Dänemark beschäftigt haben, war einen Tag vor Andruck das Fotomaterial noch nicht da – und ich musste den Layouter seelisch betreuen. In einer weiteren Ausgabe hatten wir Texte aus der Vogue mit Modefotos junger Berliner Künstler, auf denen Obdachlose posierten, zu skurrilen Collagen kombiniert. Der Titel Schön, sexy, obdachlos war satirisch gemeint.

Abgesehen von rechtsradikalen Texten und inhaltlicher Einflussnahme von Sponsoren oder Werbetreibenden ist uns jedes Mittel recht, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Trotzdem wissen wir, dass auch unsere Arbeit letztlich nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann. Man glaubt nicht, wie viel Gewalt gegen friedliche Obdachlose ausgeübt wird! Wer heute nachts in einem Park eine hilflose Person sieht, sollte die Polizei rufen, damit die den Kältebus vorbeischickt. Damit ist eine sichere Unterkunft für die Nacht garantiert.