Die Zeit: Herr Strube, was überrascht Sie in Brüssel als frisch gebackener Chef des wichtigsten europäischen Unternehmerverbandes am meisten?

Jürgen Strube: Mich erstaunt die Fülle der Aktivitäten. Leider aber kann ich bei all den Projekten von EU-Kommission und Rat keine Prioritäten erkennen. Ich wünschte mir, dass die Regierungschefs das, was sie einst in Lissabon versprochen haben, ganz oben auf ihre Liste setzten. Damals wollten sie Europa bis 2010 zum "dynamischsten, wettbewerbsfähigsten, wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt" machen.

Zeit: Über solche Superlative kann man doch nur lachen.

Strube: Im Gegenteil. Man muss sie ernst nehmen und sich daran messen. Dieses Ziel könnte sehr inspirierend sein. Ich muss allerdings zugeben, dass wir da in den vergangenen Jahren schon einige Chancen verpasst haben. Schauen Sie sich nur die Vorschläge der EU-Kommission zur Chemiepolitik an.

Zeit: Für Sie und viele Ihrer Kollegen ist die neue Chemiepolitik ein rotes Tuch, weil die Industrie gezwungen werden soll, die Unbedenklichkeit von Stoffen nachzuweisen. Warum ist das so schlimm?

Strube: Weil künftig auf alle Produzenten und auf die weiterverarbeitende Industrie hohe Kosten zukommen, die zu einem Mehr an Umwelt- und Verbraucherschutz nicht beitragen. Dabei haben wir mit vielen Produkten seit Jahrzehnten praktische Erfahrung. Es wäre ein riesiger Aufwand, wenn wir die nun alle neu testen müssten.

Zeit: Aber wir wissen auch, dass seit Jahren die Allergien zunehmen. Und dass dies mit chemischen Produkten zu tun hat.