Für kleine, schmutzige Stücke ist in den vergangenen Jahren vor allem eine Institution zuständig gewesen: das Royal Court Theatre in London, das seine Mission offensichtlich darin sah, den europäischen Kontinent mit sozialkritischen Gossendramen zu überschwemmen. Diese Stoffquelle ist zwar vor einiger Zeit versiegt, doch der Ruf des Hauses scheint nach wie vor intakt zu sein. Auch Stücke, die nicht aus der Royal-Court-Schule stammen, werden durch eine erfolgreiche Royal-Court-Aufführung immer noch geadelt – zum Beispiel die postsozialistische Passionsgeschichte Plastilin, die von dem 1977 im Ural geborenen Dramatiker Wassilij Sigarew stammt. Als er die Szenenfolge einst in seiner Heimat vortrug, wurde er von Zuhörern und Zuschauern noch bespuckt. Seit der Premiere in London, die im März vergangenen Jahres über die Bühne ging, wird er gefeiert: als unerschrockener Realist, als empfindsamer Schockpoet, als russischer Horrormärchenerzähler.

Bleiben wir kurz bei der Spucke. Sigarew hat’s durchaus mit Körpersäften, in seinem Drama fließen Blut, Schweiß und Tränen und – last, not least – mehrere Hände voll Sperma. Denn die Plattenbauwelt, die er in 33 sozusagen lomografischen Schnappschüssen einfängt, ist mit Brutalität und Sexualität bis zum Bersten aufgeladen. Entsprechend roh und krude fällt die Sprache des Dramatikers aus, dieser Hau-ab-du-Wichser-Slang, entsprechend traurig und kümmerlich auch das Schicksal, das er seinem jungen Helden Maxim bereitet.

Misshandelt von der Mutter, verprügelt von Mitschülern, schikaniert von Lehrern, angeschwärzt von Nachbarn und vergewaltigt von Zuhältern – Sigarew, mittlerweile Verfasser von 14 Stücken, hätte sein Drama auch "Sie fickten und sie schlugen ihn" nennen können, so dick trägt er auf. Das wiederum sind wir von den britischen kitchen-sink dramas längst gewohnt, weshalb uns allmählich ein leiser Verdacht beschleicht: Das Royal Court Theatre muss die weltweite Lizenz für diese kleinen, schmutzigen Stücke besitzen! Egal, wo sie herkommen, ob aus England oder Amerika, aus Deutschland oder Russland – sie sehen, von unbedeutenden nationalen Eigenheiten abgesehen, immer gleich aus. Das Theaterelend hat seine Globalisierung bereits hinter sich.

Bedauerlicherweise kann Anselm Weber, der mit Plastilin die Spielzeit an den Münchner Kammerspielen eröffnet, diesen Eindruck nicht erschüttern. Mit kalter Routine stellt er eine 08/15-Misere aus, die dem Betrachter vor allem ein müdes Déjà-vu-Erlebnis beschert. Die Internationale des Suff- und Siffdramas ist wieder in der todschicken Maximilianstraße eingekehrt, wie schon häufiger während der Intendanz von Frank Baumbauer, der dem Dallmayr-Prodomo-München einen harten, gern mal grotesken Realismus verschrieben hat, ganz programmatisch, ganz therapeutisch. Öffnet die Augen! Seht die Wirklichkeit! Erkennet die Not, und kehret um!

Man sieht die Not – die Not des Regisseurs und seiner Bühnenbildnerin, das Straßenkindermilieu in der Schwebe zwischen Dokumentation und Allegorie zu halten. Katrin Nottrodt taucht den meist leeren Raum in ein unappetitliches Algengrün und schiebt darin Wände hin und her, eine zweckdienliche Albtraumbühne, die trotz aller Abstraktion nur naheliegende Assoziationen zulässt: Pissoir und Psychiatrie, Krankenhaus und Knast. Verlockendere Aussichten hat die durch solche Örtlichkeiten gezeichnete Welt nicht zu bieten. Man ahnt rasch, dass es mit Maxim in der Maximilianstraße böse enden wird.

Nomen est omen: Christoph Luser spielt den 14-jährigen Burschen, der wie ein pubertierender Russen-Woyzeck durch den Vorstadtslum treibt. Renitent zwar und mit einem guten Kern ausgestattet, doch letztlich hilflos all den Law-and-Order-Gestalten aus der Shirinowskij-Fraktion ausgeliefert, wobei auch diese armseligen Gestalten – wie sagt man noch? – ein Opfer der Verhältnisse sind. Fast jeder im Ensemble muss sein Kreuz tragen, ob er nun auf der Seite der Quälenden oder der Leidenden steht. Eine Schmerzenstruppe, aus der Doris Schade als Maxims Großmutter herausragt: Sie gibt ihrer Oma eine Psychologie und Autonomie, sie gestattet sich einen freien Willen dort, wo die anderen Figuren nur dumpfen Trieben gehorchen. Noch ist Russland nicht verloren – und von dieser Frohbotschaft des alten Mütterchens künden auch zwei Vertreter der jungen Generation, die auf etwas aparte Weise den Gossendreck hinter sich gelassen haben: Spira, Maxims Freund, und ein Mädchen, das schlicht "Sie" heißt und das Objekt der Maximschen Sehnsucht ist.

Kann das sein? Gleich drei Hoffnungsträger in einem kleinen, schmutzigen Erfolgsstück? Eben. Wassilij Sigarew sorgt mit großer Umsicht dafür, dass sie nicht allzu viel Gutes und Utopisches anrichten können. Die Oma schläft friedlich ein – und Spira und "Sie", Matthias Bundschuh und Julia Jentsch, sind ohnehin nicht (mehr) von dieser Welt, sondern als Todesengel und Himmelsbotin (vor allem) Ausgeburten von Maxims Fantasie. Schon wieder steht Russland ohne Erlöser da. Haben wir’s in der Münchner Maximilianstraße nicht gleich geahnt?