Einer der uninteressantesten Menschen, die ich kenne, ist Michael Schumacher. Es kommt dann immer das Argument: "Du bist halt neidisch auf Michael Schumacher. Neid. Typisch deutsch." Ich antworte: "Bewunderung. Hurrarufe. Fahnen schwenken. Typisch deutsch." Dann schweigen die Kritikusse und betrachten verlegen ihre Fußzehen.

Verstehen Sie mich richtig. Ich habe nichts gegen ihn. Die Vorstellung, bei einem Abendessen neben Michael Schumacher platziert zu werden, würde mich nicht dazu bringen, das Abendessen abzusagen, weil ich, wie gesagt, nichts gegen ihn habe, aber ich würde vor dem ersten Gang heimlich zwei Slibowitz trinken, damit ich es besser aushalte. Ich habe mehrere Interviews mit Michael Schumacher gelesen. Der Mann hat eine ausgewogene Meinung zu allem, sogar zum Wetter. Wenn es wochenlang regnet, sagt er: "So viel Regen gefällt nicht jedem. Aber ich möchte keinem Mitmenschen, der Regen liebt, die Freude am Regen nehmen. Ich selber bin da übrigens keineswegs festgelegt." Im Vergleich zu Michael Schumacher ist Johannes Rau ein Freak. Ich respektiere Schumacher, ehrlich. Aber ehe ich seine Memoiren lese, stürze ich mich lieber aus dem Fenster.

Wenn man sich für Rennfahrerei interessiert, ist es sicher gewinnbringend, zu lesen, was Michael Schumacher über Rennfahrerei zu sagen hat. Darin kennt er sich vermutlich aus wie kein Zweiter.

Ich schlage die Zeitung auf. Ich schalte den Fernseher ein. Sie bringen gigantische Schumacher-Porträts. Sie beschreiben bestenfalls am Rande, wie interessant oder sogar unkonventionell er fährt. Stattdessen fragen sie ihn nach Berlusconi, dem deutsch-italienischen Verhältnis, nach Kochrezepten. Das ist, als ob ich meine Zahnärztin frage, warum mein Auto komische Geräusche macht. Sobald einer eine einzige Sache gut kann, wird er zum Experten für alles. Popsänger sollen uns den Sinn des Lebens erklären. Boxer werden nach Literaturtipps gefragt! Meiner Ansicht nach sollte man Boxer immer wieder, mit äußerster Härte und gnadenloser Penetranz, nach Boxtipps fragen.

Andererseits haben fast alle Leute das Gefühl, wegen der falschen Qualitäten geschätzt zu werden. Schöne Menschen erfreuen sich nicht an ihrer Schönheit, sondern klagen: "Alle begehren mich wegen meines Körpers. Dabei bin ich doch so klug." Wahrscheinlich ist es bei Schumacher genauso. Er sitzt in seinem Rennauto, dreht Runde um Runde, und denkt: "Alle loben mich wegen der Rennfahrerei. Kein Mensch weiß zu schätzen, dass ich ein Superrezept für Canneloni con Funghi kenne." Dann ist das Rennen zu Ende, er steigt aus, nimmt den Helm ab, die Reporter stürzen sich auf ihn und rufen aufgeregt: "Was ist mit Berlusconis Justizreform? Tut man besser Butter oder Olivenöl in die Lasagne?" Und Schumacher ist glücklich. Er überlegt. Er sagt: "Letztlich ist es Geschmackssache. Wichtig ist vor allem, dass man die richtige Menge nimmt. Das Gleiche gilt sinngemäß für Berlusconis Justizreform." Ich aber stürze mich aus dem Fenster. Fast alle Leute werden übrigens wegen genau der richtigen Qualitäten geschätzt.

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