Wenn keiner mehr durchsteigt, gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann eine Expertenkommission einsetzen (Hartz, Rürup, Herzog) – oder die Maus fragen. Experten lieben die Komplexität, sie ist quasi ihre Lebensgrundlage. Die Maus liebt die Einfachheit.

Seit 28 Jahren demonstriert Christoph Biemann, 51, Autor der Sendung mit der Maus, in seinen Sachgeschichten für Kinder, wie sich komplexe Dinge mit schlichten Worten darstellen lassen. Dass dieses Prinzip auch bei Erwachsenen funktioniert, will Biemann Ende Oktober bei dem Seminar "Prinzip Maus" vorführen. An der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel wird er Ärzten, Museumsleitern, Pfarrern und Unternehmensberatern die Kunst der Einfachheit näher bringen. Biemanns wichtigste Tipps: anschaulich werden, Vergleiche finden, abstrakte Themen in eine Geschichte verpacken. In seinem vor kurzem erschienenen Buch Christophs Experimente (Hanser, 144 Seiten, 17,90 Euro) stellt sich Biemann die Anfänge der griechischen Philosophie zum Beispiel so vor, dass die Menschen dort an fernsehfreien Abenden vor ihren Häusern saßen, die Sterne anguckten und zwangsläufig zu diskutieren begannen – was sollten sie auch sonst machen? Weil beim Erklären hilfreich sein kann, die eigene Person einzubringen, tapert Biemann oft selbst als "der Christoph" durch seine Beiträge, testet die besten zehn Arten, ins Wasser zu fallen, oder sucht nach Futter für seine Regenwurmzucht. "Wir brauchten eine Figur, die den Konflikt durchlebt und eine Lösung findet. Wie im klassischen Drama."

Einfach sprechen heißt aber nicht zu banalisieren, wie es Maus- Imitatoren so gern machen. Erst recht verboten ist Ironie, denn die versteht kein Kind. Wirklich gut erklären kann nach Biemanns Auffassung nur, wer eine Sache so durchdrungen hat, dass er das Wesentliche auf den Punkt bringt. Und das ist ein hartes Stück Arbeit. Für einen fünfminütigen Maus- Beitrag über kompostierbare Tragetaschen, der demnächst gesendet wird, hat er 14 Tage lang recherchiert. Zu Beginn versucht er immer, alles Wissen in seinem Kopf zur Seite zu schieben und noch mal ganz neu anzufangen. Diese naive Neugierde scheint in seiner Natur zu liegen: "Als Kind durfte ich öfter nicht zu Freunden nach Hause, weil ich immer alles angefasst habe." Dass auch Erwachsene seinen unverstellten Blick schätzen, zeigt die Zuschauer-Zusammensetzung der Sendung mit der Maus: 60 Prozent der Maus- Gucker sind Erwachsene. Leider ist nicht bekannt, wie viele davon Politiker sind.

Christophs Biemann: Christophs Experimente

Hanser, 2003, 144 Seiten, 17,90 Euro