"In meinem Traum schaffe ich ein Ritual für Vergebung. Jeder Mensch bekommt eine neue Chance"

Meine Träume erwachsen aus den Erfahrungen meines Lebens als Tochter und Mutter. Ich träume davon, frei zu sein von Vorurteilen und Anklagen. Ich träume davon, mich nicht rechtfertigen und nicht erklären zu müssen. Und ich träume davon, dass Menschen sich und anderen vergeben lernen, egal, welche Schmerzen sie erleiden mussten.

Ich wuchs bei meiner Mutter auf, ohne meinen Vater. Meine Eltern hatten sich getrennt. Ich erinnere mich, wie ich jahrelang einschlief und von einer heilen Familie träumte – angstfrei und glücklich. Ich träumte von der ewigen Gemeinsamkeit.

Für meine Kinder wollte ich diesen Traum leben. Gemeinsam mit Boris, dem Vater meiner Kinder. Doch erwachsen werden bedeutet heute für mich, zu lernen, dass nicht alle Menschen meinen Traum träumen können – oder wollen. Ich erkannte, dass mein Traum vom Glück nicht automatisch auch Glück und Freiheit für andere bringt. Die Entscheidung, eine andere Lebensform zu wählen, eine, die dem heilen Familienglück gegenübersteht, kann ich heute endlich akzeptieren. In meinem Traum bin ich frei von alten Narben der Vergangenheit; ich vermag frei zu leben, frei zu lieben und bin dadurch selbst verantwortlich für mein Schicksal und nicht mehr fremd bestimmt von der Last des Gestern.

In meinem Traum schaffe ich ein Ritual für Vergebung, das man auf alle Menschen anwenden kann. Ob kleine Dummheiten oder schwerwiegende, kapitale Vergehen – jeder Mensch bekommt eine zweite, eine dritte, eine neue Chance. Bevor sich Menschen enttäuscht vom anderen abwenden, bevor die Gesellschaft jemanden für immer ausschließt, hat er die Chance, rein zu werden. Das Ritual dient vor allem dazu, herauszufinden, ob nicht das Gute das Böse überwiegt. Das bedeutet natürlich nicht, dass Taten ungesühnt bleiben oder Verantwortung abgestreift wird – es geht darum, das großartige Gefühl des Verzeihens über die bloße Rachelust zu stellen.

Für dieses Ritual finden sich Menschen aus dem Umfeld des Betreffenden zusammen und setzen sich kreisförmig auf den Boden. In der Mitte sitzt der "beschuldigte" Mensch. Nun redet man nicht über das, was er sich hat zuschulden kommen lassen; das ist ja bekannt. Nein, vielmehr zählen die Erinnerungen an das, was er Gutes tat, wem er half, wen er unterstützte, wen er rettete, für wen er da war.

Es wird nichts beschönigt, nichts ausgeschmückt – es wird vielmehr bewertet, wie viel Positives in diesem Menschen steckt.

Das Ritual kann lange dauern. Steht am Ende, dass dieser Mensch auch liebenswert sein kann, dass Schuld etwas sehr Relatives ist, kann man auch vergeben.