Der Untergeher und sein Darsteller: Willy Brandt (oben) und Michael Mendl (unten)

Foto: Ziegler Film/NDR

Der Spion Günter Guillaume (links mit Brandt, 1985) wird heute von Brandts Sohn Matthias gespielt (rechts)

Foto: Ziegler Film/NDR

Vor der riesenhaften Fassade, dem Spree-Ufer zugewandt, hasteten wir im späten Licht des herbstlichen Tages wie Schatten daher: manche dünn und ein wenig gebeugt, die meisten eher massig und schwer und gerade darum mit bemühter Leichtfüßigkeit zum Seiteneingang des Kanzleramtes strebend. Das Tor könnte Einlass in jede Hotellobby der gehobenen Kategorie gewähren: in Brasília, in Toronto, in L. A. oder in Dortmund.

Wir sind keine Staatsgäste, sondern ein Trupp von Versprengten aus alten, lang vergangenen Tagen, Willy Brandts Mitarbeiter, die Gerhard Schröder aus Güte für eine Filmstunde und einen Imbiss ins Zentrum deutscher Politik geladen hat. In unseren Seelen rumort der übliche Anfall von Heimweh nach dem bescheidenen Bonner Biedermeier des Palais Schaumburg, nach seinen Winkeln, seinen Hintertreppen, seinen Dachkammern, wie er sich allemal regt, wenn der Kanzler in diese gesamtdeutsche Hochburg der Postmoderne lädt, an jenem Abend womöglich ein wenig heftiger denn gewöhnlich, da er die Ehemaligen, soweit sie noch leben, zu sich gebeten hat, um ihnen den ersten Teil des Fernsehfilmes über Willy Brandts Abschied von der Macht zu zeigen, in Anwesenheit des Regisseurs Oliver Storz, den man getrost den Altmeister des Gewerbes nennen darf, auch seines Beraters Hermann Schreiber, den wir zu späterer Stunde auf dem Großschirm als Starreporter des Spiegels bestaunen werden, der Produzentin Regina Ziegler in wohlwollender Majestät, vor allem aber des Schauspielers Matthias Brandt, der die Bombenrolle (im Wortsinn) von Günter Guillaume spielen darf. Es ist eine glänzende Besetzung, die dem dritten der Brandt-Söhne nicht nur Gelegenheit bot, sein Talent zu beweisen, sondern obendrein die Chance, die einst so traurig gestörte Beziehung zum Vater ins Gleichgewicht zu rücken, vielleicht sogar, sich mit seinem Erzeuger endlich zu versöhnen, denn der Verräter G. G. lässt auf den Verratenen im Film (wie einst in der Realität) nichts, aber auch gar nichts kommen.

Den Machtverfall hatte die Linke in der eigenen Partei bewirkt

Guillaume liebt Brandt, daran ist kein Zweifel, auch wenn er ihn durch seine schiere Gegenwart belügt und betrügt. Storz gab – anders als der britische Theater-Autor Michael Frayn in seinem raffiniert angelegten Brandt-Stück Democracy, das vor einigen Wochen in London kleine Triumphe erlebte – nicht der Versuchung nach, den subalternen Gehilfen (den der Chef in Wahrheit nur murrend ertrug) zum vertrauten Gesprächspartner hochzukitzeln.

Ein Jahrzehnt ist vergangen, seit wir an Willys Zehlendorfer Grab standen, eine kleine Schar der Freunde, die seine Witwe zugelassen hatte. Ohne seine erste Frau Rut, die nicht erwünscht war. Die Söhne durften dem Vater die Ehre geben. Wie seltsam das Leben spielt.

Seltsamer als der Film. Noch sind wir nicht so weit. Schröder lässt ein bisschen auf sich warten. Wichtige Geschäfte. Die Wogen gehen hoch in der Fraktion und im Vorstand der Partei, wie so oft in diesen Tagen und Nächten, mit denen – noch wissen wir es nicht – eine andere Kanzlerdämmerung begonnen haben könnte, groteske Repetition des Zermürbungsprozesses, der Helmut Schmidt im Oktober 1982 zur Resignation zwang: Der Abmarsch der freidemokratischen Truppe Hans-Dietrich Genschers war damals nur das bittere Ende – den Machtverfall hatte in Wirklichkeit die Linke der eigenen Partei bewirkt.

"Guckt mal genau hin, wie das 1982 gelaufen ist", mahnt Schröder, und stets fügt er hinzu: "Guckt noch genauer hin, wie lange es gedauert hat, bis man wieder dran war." Er sagte es auch uns, mit einem fast fröhlichen Lächeln, als er schließlich kam und noch rasch, zum Aperitif, ein Papptellerchen mit Currywurst in Ketchup löffelte. Es drängte Gerhard Schröder, auch uns, voller Elan, ja geradezu mit einem Anflug von Heiterkeit, zu verkünden, dass an Weihnachten die Reformgesetze der Agenda 2010 unter Dach und Fach sein müssten, oder er werde den Hut nehmen. Vielleicht zielte sein Appell auf Albrecht Müller, den einstigen Planungschef Willy Brandts und Helmut Schmidts, einen bulligen Kritiker seiner Strategien. Vielleicht auch auf den früheren Leiter der ständigen Vertretung in Ost-Berlin, Günter Gaus, der durchaus nicht verbirgt, was er von den Berliner Obergenossen hält: nicht das Geringste. Der erste Kanzleramtsminister Horst Ehmke war nicht gekommen, weiß der Teufel warum, der seinerzeitige Bundesminister Egon Bahr nicht, der am Bodensee kurt, auch Horst Grabert nicht, Brandts korrekter Staatssekretär.

Hernach sprach der Kanzler von Herausforderungen, die an die Grenze des Zumutbaren rührten, von Paraden der Egozentrik (er hätte auch von Aufgeblasenheit, Selbstüberschätzung und Wichtigtuerei reden können), die irgendwann seine Würde infrage stellten. Übrigens gab er sich dabei völlig entspannt.