Nicht etwa, dass die US-amerikanische Außenpolitik derzeit in Ost- und Südostasien populärer wäre als in Europa. Doch wenn der amerikanische Präsident über den Pazifik reist, ist er es gewohnt, mit asiatischer Höflichkeit empfangen zu werden. George W. Bushs Asien-Tour in dieser Woche macht da keine Ausnahme. Ob in Tokio, Manila, Bangkok, Singapur oder Jakarta: Überall kann sich der amerikanische Präsident sicher sein, dass ihn auf seinem Anti-Terrorismus-Feldzug die guten Wünsche von Kaisern, Königen und Regierungschefs begleiten. Auch waren die zwanzig übrigen Staatsoberhäupter des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums (APEC) bei ihrer alljährlichen Zusammenkunft mit Bush höflich genug, der amerikanischen Weltsicht in einer gemeinsamen Erklärung Ausdruck zu verleihen. So unterstrichen die APEC-Länder auf ihrem Gipfeltreffen am Dienstag in Bangkok den Willen zur Partnerschaft „nicht nur um den regionalen Handel zu liberalisieren und Investitionen zu erleichtern, sondern auch um Menschen und Gesellschaften gegen Bedrohungen ihrer Sicherheit zu schützen“. Die Betonung des Sicherheitsaspektes war dabei ein US-amerikanisches Anliegen, dem die Asiaten nahezu widerspruchslos folgten. Nur der ewig aneckende Premierminister Malaysias, Mahathir Mohamad, erinnerte seine Kollegen daran, dass APEC eigentlich ein Wirtschafts- und Handelsverbund ist und keine Sicherheitsorganisation.

Doch die asiatische Rücksichtnahme auf die USA ist wohlbedacht und wird in nichts durch rituelle Höflichkeit motiviert. Denn Bush spielt in Asien derzeit nirgends Rambo. Allen voran Peking weiß zu schätzen, dass der US-Präsident ganz uncowboyhaft mit seiner Nordkorea-Politik verfährt, gegenüber Pjöngjang bislang den Knüppel im Sack läßt und auf diplomatische Verhandlungen setzt. Dabei fürchtete bereits die ganze Region, dass Washington seine im Irak erprobte Präventiv-Strategie auch in Nordkorea hemmungslos anwenden würde.

Ebensowichtig für Asien ist Washingtons relative Zurückhaltung in Handelsfragen. Längst ist klar, dass die Forderung nach einer Aufwertung des chinesischen Yuan aus dem amerikanischen Wahlkampf nicht mehr wegzudenken ist, und dennoch mäßigt die Bush-Regierung bislang den Tonfall gegenüber China. An einem entspannten Verhältnis zwischen Washington und Peking aber sind in der Region sämtliche Regierungen interessiert. Sie alle haben begriffen, dass das anhaltende chinesische Wirtschaftswachstum ihre Volkswirtschaften nicht bedroht, sondern zur Wachstumsquelle für Ost- und Südostasien geworden ist. „Alle asiatischen Führer schauen vorwärts auf den unaufhaltsamen Wirtschaftsmarsch Chinas“, analysierte kürzlich Singapurs Premierminister Goh Chok Tong. Goh sieht die relative Bedeutung Japans und Südkoreas, der engsten Verbündeten der USA, in der Region abnehmen und diejenige Chinas steigen.

Doch auch die Rolle der USA in der Region wird durch den Aufstieg Chinas langfristig in Frage gestellt. Pekings Premierminister Wen Jiabao forderte die zehn Mitgliedsstaaten des ASEAN-Verbunds vor wenigen Tagen auf, ihr Handelsvolumen mit China in den nächsten zwei Jahren von zuletzt 55 Milliarden Dollar auf 100 Milliarden Dollar zu verdoppeln. Dann hätte China fast das Handelsvolumen der ASEAN-Länder mit den USA erreicht, das im Jahr 2001 bei 120 Milliarden Dollar lag. Dass eine solche Handelsentwicklung derzeit leicht vorstellbar ist, belegt für die „New York Times“ die „subtile, aber unübersehbare Abnahme der amerikanischen Dominanz in Asien“.

Solange Washington diese Tendenzen nicht zum Anlass für politische Gegensteuerungsmanöver nimmt (und nicht zum Kampf gegen Nordkorea rüstet), kann sich Bush in Asien aller Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus sicher sein – ganz gleich, wie unpopulär seine Außenpolitik auch sonst sein mag. Die asiatische Höflichkeit ist also in diesem Fall sehr realistisch begründet.