Urplötzlich umweht Tony Blair ein Hauch physischer Vergänglichkeit. Am Sonntag wurde der 50-jährige Premier fünf Stunden lang im Krankenhaus von Spezialisten behandelt, nachdem er sich unwohl gefühlt hatte. Die Ärzte stellten eine leichte Störung seines Herzrhythmus fest. Ventricular tachycardia heißt es in der Fachsprache, ein Zustand, bei dem der Betroffene unter irregulärem Herzschlag und Atemnot leidet. Der Patient sei wohlauf, verkündete 10 Downing Street am Montag, der Regierungschef würde dem Rat der Ärzte folgen und sich 24 Stunden Ruhe gönnen. Insgesamt sei der Premier in exzellenter Verfassung. Soweit die dürren Fakten.

Dass es sich bei der Politik um ein hartes, undankbares Geschäft handelt, ist keine neue Erkenntnis. Auch galt hier stets das Gesetz des Dschungels. Wenn die dominante Figur auch nur die leichtesten Anzeichen von Schwäche zeigt, horchen die Rivalen auf. Sie wittern die Chance, das „alpha male“ ablösen zu können. Die Medien tragen dazu bei, diesen Eindruck zu verschärfen. „Wie lange kann Blair weitermachen?“ fragt die Schlagzeile der Times in großen Lettern auf der Titelseite. Nicht einmal maliziös gemeint sein muss es, wenn dem Publikum das freudige Ereignis der Vaterschaft Gordon Browns in Erinnerung gerufen wird. Der Schatzkanzler und Rivale Tony Blairs will lieber heute als morgen den Spitzenjob übernehmen.

Blair muss fortan damit leben, dass sein Gesundheitszustand ein dauerhaftes Politikum ist. Auch wenn die Symptome nicht wieder auftreten werden. Der Premier galt bislang als topfit. Er raucht nicht, er betreibt regelmäßig Sport, spielt viel Tennis, ernährt sich vernünftig und hat den Fluch des middleage, einen deutlich erkennbaren Bauchansatz, vermeiden können. Aber nun wird natürlich gefragt, ob sein Führungstil nicht am Ende auch zu der ersten gesundheitlichen Krise seines Lebens entscheidend beitrug. Blair ist nicht, wie vielfach behauptet wird, ein „präsidial“ agierender Premier. Seine Berater seufzen schon lange, dass ihr Chef am besten George Bush zum Vorbild nähme, der auf seinen acht Stunden Schlaf besteht und sich viele Abende von Verpflichtungen freihält.

Anders Blair. Von Beginn an hat er überall mitgemischt. Schnell kristallisierte sich der Eindruck heraus, dass der Premier selbst involviert sein müsse, wollte die Regierung die Ernsthaftigkeit ihres Engagements unter Beweis stellen, ob beim nordirischen Friedensprozess, während Agrarkrisen wie der Maul- und Klauenseuche, ob in Europa oder bei den wichtigsten Projekten der Innenpolitik. Blair delegierte zu wenig, teils weil er seinen Ministern zuwenig zutraute, teils aus Ungeduld mit überkommenen Regierungsstrukturen, in der Ministerien vor sich hinwursteln können, gleich was der Regierungschef anordnet. Um mehr „joint up government“- verzahntes Regieren - zu erreichen, ließ der Premier den Apparat in 10 Downing Street systematisch ausbauen. Blair wollte die Fäden der Macht in der Hand behalten.

Hinzu kamen wachsender häuslicher Druck, die Geburt von Leo, seinem 4. Kind, das schlaflose Nächte bedeutete. (Robin Cook, als Minister wegen des Irakkrieges zurückgetreten, führte seine Abhalfterung als Außenminister auf Blairs Kinderstress zurück. Der Premier sei am entscheidenden Tag übermüdet, aschfahl im Gesicht und grantig gewesen, ansonsten, so Cook in seinen Memoiren, hätte es eine andere Wendung gegeben). Der Termindruck, der auf Blair lastete, ist im Laufe der Jahre immer größer geworden: internationale Verpflichtungen, europäische Gipfel, Interventionen und Krisen, nicht zuletzt Blairs Rolle, wie Nelson Mandela bissig anmerkte, als „amerikanischer Außenminister“. Mehr als jeder andere Regierungschef des Westens jettete Blair nach dem 11. September 2001 um die Welt, um die Allianz gegen den Terror zu schmieden oder Regierungschefs von Ländern zu treffen - etwa Syriens - in die ein George Bush niemals den Fuß setzen würde.

Irakkrieg, innenpolitische Verwerfungen und die Hutton Untersuchung haben Druck und Stress enorm gesteigert. Hinzu kommen die permanenten Anforderungen einer hektischen Mediengesellschaft mit rolling news, mit Nachrichten rund um die Uhr, die Politiker zu einem ebenso atemlosen Rhythmus zwingen. Kein Wunder, dass sich der strahlende, jugendlich wirkende Held binnen der sechs Jahre seit seinem ersten Wahlsieg verwandelt hat. Blair ist sichtlich gealtert. Sein Gesicht ist gezeichnet vom Dauerstress, scharfe Linien, müde Augen, nicht selten gerötet von zuwenig Schlaf. Blair müsste es ruhiger angehen lassen, selbst wenn das Herzflattern keine ernsthafte Gefährdung seiner Gesundheit signalisieren sollte. Aber ist er dazu fähig?

Am Montagnachmittag ließ er sich im Unterhaus für den Bericht vom europäischen Gipfel durch Außenminister Jack Straw vertreten. Doch selbst in der Ruhepause von 24 Stunden, die ihm der Arzt anriet, hielt er den Terminkalender nicht völlig frei, sondern beraumte einige Treffen in seinem Büro an. Blair will eine eindrucksvolle politische Erbschaft hinterlassen. Er weiß, dass die Zeit drängt. Das erhöht die Ungeduld und den Wunsch, die verbleibenden Jahre gut zu nutzen.