Ein Besessener hat die Oberfläche des Planeten abgeflogen. 3500 Stunden hat der heute 75-jährige Georg Gerster in "Klein- und Kleinstflugzeugen" zugebracht. Darunter die absturzgefährdete Rostlaube eines irakischen Aeroclubs oder die antike Antonow AN-2 aus chinesischen Beständen. Ein irakischer Pilot verflog sich mit Gerster an Bord zweimal in die Sowjetunion oder beliebte im Luftraum über der Gebirgswildnis zu scherzen, indem er den Motor abstellte. Und die chilenische Luftwaffe hätte ihn beim unangemeldeten Knipsen von Steinbildern auf ihrem šbungsschießplatz beinahe abgeschossen - wäre nicht im letzten Moment geklärt worden, dass ein Ex-Oberbefehlshaber mit an Bord war.

Seit der berühmte Schweizer Anfang 1963 auf seinem ersten Fotoflug die Pyramiden und Festungen des antiken Nubien dokumentiert hat, ist ein einmaliges archäologisches Bildarchiv entstanden. 250 Fotos sind jetzt im Ruhrlandmuseum Essen zu sehen. Sie zeigen, dass Gerster mehr als 100 Länder nicht wie ein Dokumentar überflogen hat. Hier hat sich vielmehr ein Ästhet stets neu hinreißen lassen.

Mal sind es die langen Schatten der Bäume auf dem Großen Schlangen-Erdwerk in Ohio (USA) oder auf den "Schwimmenden Gärten" (Chinampas) bei Xochimilco in Mexiko, die Gerster wie Pinselstriche aufs Fotopapier bringt und so Szenerien ins Unwirkliche fallen lässt. Ein andermal zeigt der Schatten einer Moschee oder der senkrechte Blick auf eine Grabstätte, wie bewusst der Fotograf die Flugzeiten gewählt hat, in denen Natur und Kultur gemeinsam ihrem raffinierten Spiel mit Licht und Schatten frönen.

Ein Gedanke betört und irritiert beim Betrachten aller Bilder: dass kein Erbauer seine Stätten jemals so gesehen hat. Der Besucher aber fliegt in wenigen Stunden rund um den Globus, berauscht von der Schönheit von Gotteshäusern, Festungsruinen, Bewässerungsbauten und Erosionsspuren. Aus der Vogelperspektive erhält er eine Ahnung, wie Formen sich wiederholen: Heutige Erntespuren betonen die Konturen eines bronzezeitlichen Rundgrabs im englischen Wiltshire. Die Rundhügelform wiederholt sich in Dänemark, an skythischen Kurganen in der Republik Altaj, in Schleswig-Holstein, in Iran, in der Türkei und schließlich in den großartigen, wiesenbewachsenen Tumuli der Silla-Herrscher in Kyongiu (Südkorea). Tausende von Kilometer liegen zwischen den Orten, Tausende von Jahren sind zwischen ihrem Entstehen vergangen - die Ausstellung rückt die Werke einfach salopp nebeneinander: hier Sri Lanka, da Israel, ein Abstecher nach Schottland, schon ist man in Syrien. Das geografische Rechenzentrum im Kopf mag da in Turbulenzen geraten. Aber der Spaß ist unermesslich.

Er hört erst auf, als sich käseartige Löcher in einer iranischen Zitadelle als das verbrecherische Werk von Grabräubern entpuppen. Gerster hat auch Orte dokumentiert, die für immer verloren oder im letzten Moment gerettet worden sind. Wanderdünen decken die Ruinen von Dahan-i Ghulaman (Iran) zu. Die Felsentempel von Abu Simbel dagegen wurden in den sechziger Jahren versetzt, bevor der See hinter dem Hochdamm von Assuan sie verschluckte.

Auf die Schilfbauten der Sumpfbewohner im Hor dagegen werfen wir einen vorläufig letzten Blick. Saddam Hussein hat 1991 die 6000-jährige Kultur in wenigen Tagen zerstört. Er ließ den Euphrat umleiten. Die Sümpfe, stets Rückzugsgebiet für Bedrängte, trockneten aus, wurden für Panzer befahrbar. Erst heute wird versucht, dem Euphrat sein altes Bett zurückzugeben und die Fischerdörfer mit ihren Wassersträßchen auferstehen zu lassen.

"Flug in die Vergangenheit" ist bis zum 29. Februar 2004 im Ruhrlandmuseum Essen zu sehen. Das Begleitbuch mit sämtlichen Bildern kostet 29 Euro im Museum, 58 Euro im Buchhandel. Weitere Stationen: Musée Royaux d'Art et d'Histoire in Brüssel, Schweizerisches Landesmuseum in Zürich, Badisches Landesmuseum in Karlsruhe, Museo Arquel¢gico Nacional in Madrid, Moesgard Museum in Arhus/Dänemark