Dass vor zwei Jahren das Humangenom-Projekt schneller abgeschlossen werden konnte als geplant, verdanken wir dem Internet: Sämtliche Ergebnisse der beteiligten Forscher waren öffentlich zugänglich, so konnte jeder auf der Arbeit des anderen aufbauen. Man stelle sich vor, die Wissenschaftler hätten ihre Gensequenzen in gedruckter Form ausgetauscht - es wäre bis heute wohl nicht ein einziges Chromosom entschlüsselt.

In den meisten Forschungsbereichen aber wird noch immer ganz anders verfahren. Obwohl meist die Öffentlichkeit für die Forschungsarbeit bezahlt hat und der veröffentlichende Wissenschaftler nichts für seinen Aufsatz bekommt, ist der größte Teil des Weltwissens nur gegen Gebühr erhältlich. Die Fachzeitschriftenverlage lassen sich ihre Mittlertätigkeit teuer bezahlen.

Aber wenn sie nicht aufpassen, sind die Verlage im Wissenschaftsbetrieb bald so überflüssig wie der Heizer auf der elektrischen Lokomotive. Es gibt inzwischen Modelle, wie man das Veröffentlichungswesen so organisieren kann, dass der Zugang zu den Arbeiten für jedermann frei ist, ohne dass man auf den qualitätssichernden Begutachtungsprozess, die peer review, verzichten muss. An diesem Montag ist die erste Ausgabe einer Online-Biologie-Zeitschrift erschienen, herausgegeben von der Public Library of Science (PLoS). Für die redaktionelle Arbeit zahlt nicht der Leser, sondern der veröffentlichende Forscher (beziehungsweise seine Institution).

Die neuen Online-Zeitschriften wollen direkt mit den etablierten Journalen konkurrieren. Nächste Woche erhalten sie Rückenwind von ganz oben: In Berlin wird eine "Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen" unterzeichnet, unter anderem von Peter Gruss, dem Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft. Damit bekennen sich führende deutsche Forscher zum freien Zugang zur Wissenschaft. Erstmals wird dieser Zugang nicht nur für aktuelle Publikationen gefordert, sondern auch für das Wissen, das in Archiven und Bibliotheken schlummert. So soll jeder Forscher die Originalarbeiten Galileis einsehen und verwenden dürfen, ohne dass ein kompliziertes System von Verwertungsrechten im Weg steht.

Noch führen die Netzjournale ein Schattendasein - nicht zuletzt, weil eine Publikation in Science, Nature oder einer anderen der 24 000 kostenpflichtigen Zeitschriften höheres Ansehen genießt als eine Online-Veröffentlichung. Und nicht allen Forschern ist bewusst, dass sie selbst es in der Hand haben, den freien Zugang zum Wissen zu fördern: Die meisten gedruckten Arbeiten dürfen sie nämlich auf dem Weg des self-publishing auf eigene Faust ins Netz stellen.

Die Erklärung von Berlin wird ein Signal für den freieren Austausch zwischen Wissenschaftlern sein. Ob jedoch das Wissen wirklich frei ist, bestimmen letztlich jene, die es produzieren.

Hinweise:
PLoS Biology Die erste Ausgabe der neuen Biologiezeitschrift der Public Library of Science . Zum Thema außerdem ein Gespräch mit dem Medizin-Nobelpreisträger Harold Varmus, dem Gründer der Public Library of Science : „Werdet Teil der Revolution!“ Digitale Bibliotheken und elektronische Zeitschriften sollen das wissenschaftliche Publizieren ändern ( ZEIT 26/2003)