Das Polder-Modell ist tot, lang lebe das Polder-Modell. Und das sieht so aus: Zwei Jahre lang wollen die niederländischen Gewerkschaften ganz besonders moderat sein und auf Lohnsteigerungen verzichten. Als Gegenleistung verzichtet die Mitte-Rechts-Regierung des Christdemokraten Jan Peter Balkenende vorerst auf geplante Sozialstaatsreformen, vor allem auf Veränderungen des großzügigen Systems des Vorruhestands und der Frühpensionsregelung für berufsbedingt Arbeitsunfähige, sowie auf Kürzungen in der Arbeitslosenversicherung. Geben und Nehmen besteht also in Lohn- und Reformverzicht. Was in den Niederlanden nun als Durchbruch zum sozialen Frieden gewürdigt wird, würde im deutschen Kontext heutzutage als finaler Stillstand gelten. Kein Ruck geht durchs Niederland.Ob dabei in Holland die Gewerkschaften die großen Verlierer sind oder ob die Regierungskoalition aus Christdemokraten, Rechtsliberalen (VVD) und Linksliberalen (D 66) "vor der Straße" kapituliert hat, ist nicht entschieden: Noch klopfen sich die Beteiligten gegenseitig auf die Schultern und loben ihre Einigung über den grünen Klee. Schließlich ist sie das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Regierung, dem Dachverband der Gewerkschaften und den Arbeitgebern, ganz so, wie man es in den Niederlanden seit Anfang der 80er Jahre, seit dem legendären Sozialabkommen von Wassenaar (1982), gehalten hat: Man mäßigt sich in den Ansprüchen, verändert die Strukturen nur moderat und vermeidet so soziale Konflikte. Das legendäre Polder-Modell eben, um das die Niederlände so viele beneidet haben. In den 90er Jahren feierte es beträchtliche Erfolge, der Arbeitsmarkt brummte, der Haushalt erzielte Überschüsse. Aber heute? Ist es wirklich noch ein Modell?Der bekannte deutsch-niederländische Wirtschaftswissenschaftler Alfred Kleinknecht ist sehr skeptisch. Im Gespräch mit ZEIT-online kritisiert Kleinknecht, Professor für "Ökonomie der Innovation" an der Technischen Universität in Delft und in Holland bekannt für seine pointierten Ansichten, die Einigung von Mitte dieser Woche als überaus fragil und abhängig von Bedingungen, deren Eintreten noch gar nicht gesichert sei: z.B. dürften danach die Neuzugänge in das teure System der Frühpension auf Grund von Berufskrankheiten jährlich 25000 nicht überschreiten – "das wird schwer einzuhalten sein". Das Abkommen folge insgesamt aber auch einem falschen Ansatz, bekämpfe Symptome – steigende Inflation und Arbeitslosigkeit –, ohne die eigentlichen Probleme – schwaches Wachstum, niedrige Produktivität – anzugehen. "Das ist wie bei einem Alkoholiker, der einen Schluck aus der Flasche nimmt und sich danach wohler fühlt." Die Krankheit bleibe. Die niederländische Niedriglohnpolitik – das predigt Kleinknecht seit Jahren – sei eine der Hauptursachen dafür, dass das Land auf dem Weltmarkt im Bereich der Hochtechnologieexporte immer weiter zurück falle. Niedrige Löhne hielten seit zwanzig Jahren den Rationalisierungsdruck vergleichsweise niedrig, was in der Konsequenz den Zwang zu technologischen Innovationen reduziere. Zugleich seien damit auch die Anforderungen an das Personal geringer, was sich gleichfalls im Lohnniveau spiegle und selbst wieder dazu führe, dass es zu wenig hoch qualifiziertes Personal gebe.Die Folge: Enorme Lohnsteigerungen im Bereich der gut ausgebildeten Beschäftigten in den 90er Jahren. Das viel gepriesene niederländische Teilzeit-"Jobwunder" der 90er Jahre habe sich hingegen vor allem im Niedriglohnbereich abgespielt. Ein typischer "neuer Job" sei, spottet Kleinknecht, der beliebte "Honden-Uitlaat-Service" – das Ausführen von Hunden in den Villen-Vierteln der gut verdienenden Zwei-Einkommen-Haushalte. "So spielt man auf dem Weltmarkt aber keine große Rolle, abgesehen von Agrarexporten."Dass die Wirtschaft sich im Moment aber keine hohen Löhne leisten könne, räumt Kleinknecht durchaus ein. Ein so kleines Land wie die Niederlande könne mit Lohnsteigerungen keine eigene produktive Nachfrage schaffen – "das saugt nur Importe an". Aber für Strukturinvestitionen gäbe es hinreichend Ansatzpunkte. Deshalb hätten die Gewerkschaften, statt auf Reformverzicht im Wohlfahrtsbereich zu bestehen, auf Investitionen im Bildungsbereich ("mehr Lehrer, mehr Forschung") beharren müssen. Da habe Holland die größten Defizite. Stattdessen hätten die Arbeitnehmervertreter sich dem Ehrgeiz der Regierung gebeugt, als EU-Musterschüler im Gegensatz zu Frankreich und Deutschland die Maastricht-Kriterien einzuhalten, vor allem im Bereich der Haushaltspolitik (Drei-Prozent-Ziel).Unterm Strich, damit steht der streitbare Ökonom aus Delft nicht allein, ist der "historische loonakkoord" – so ein Regierungsmitglied am Mittwoch in den Haag – eher ein Stillhalteabkommen als ein Krisenprogramm. Es dokumentiert nicht zuletzt die Schwäche der Gewerkschaften. Sie hatten zwar noch die Kraft, die schmerzhaften und unpopulären Eingriffe der Regierung ins Wohlfahrtssystem fürs erste zu verhindern. Zur aktiven Mitgestaltung einer Reform, deren Notwendigkeit sie gar nicht bestreiten, hatten sie die Kraft aber nicht mehr. Dazu sind sie von der Regierung freilich auch gar nicht eingeladen worden. Von wegen "Polder-Modell": Im alten originalen Modell, so sehr man seine Ergebnisse im Sinne Alfred Kleinknechts auch kritisieren mag, hätte man nicht versucht, so große Einschnitte an den Gewerkschaften vorbei durchzusetzen. Das neue "Polder-Modell" reicht nur für den kleinsten Nenner: den Verzicht. Zur Nachahmung nicht empfohlen.