Einmal zugespitzt gesagt: Am Wochenende ist eine regelrechte Verfassungsänderung beschlossen worden. Ohne Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat - und nicht einmal durch ein Gesetz. Wie dieses?Wer sich erinnert an das Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, weiß dass damals die dynamische Altersrente eingeführt wurde. Das war ein sozialgeschichtlich einzigartiges Versprechen: Wenn Du wegen Alters aus dem Arbeitsleben ausscheiden musst (und darfst!!), wenn Du also Rente beziehst, nimmst Du gleichwohl am künftigen Zuwachs der Volkswirtschaft und des Einkommens teil; und dies, obwohl Du selber nicht mehr in der Produktion tätig bist und folglich auch nicht mehr mit eigener Kraft den Produktivitätsfortschritt mit anschieben kannst. Die Rentner und Rentnerinnen sollten also künftig nicht mehr nur darauf angewiesen sein, das von ihnen Erarbeitete vorsichtig zu verzehren, sondern Teilnehmer am wirtschaftlichen Wohlergehen und Zuwachs der Jüngeren sein. Diese dynamische Altersrente gehörte - mehr als vieles andere, was förmlich in der Verfassung steht - zu den Grundpfeilern der Sozialverfassung der damals zehn Jahre alten Bundesrepublik.Dass es mit der Teilnahme am Zuwachs so weit nicht mehr her war in den vergangenen Jahren, das hatten die Rentner hinzunehmen - und sie konnten es auch (wie es heute heißt: ein Stück weit) begreifen. Wenn nirgendwo etwas wächst, kann auch die Rente im besten Fall nur den Bestand sichern, etwa gegen die Inflation.Nun aber, seit diesem zurückliegenden Wochenende und der Regierungsklausur zur Lage der Rentenversicherung, erfahren die Rentner, dass nicht einmal mehr der Bestand sicher ist und dass sie mit realen Kürzungen ihrer Rente rechnen müssen, ob direkt oder indirekt, das ist hier nicht so wichtig. Wenn das keine Verfassungsänderung ist.Da hatte nun der Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm (persönlich ein liebenswerter Kerl, politisch leider ein Sand-in-die-Augen-Streuer bis an den Rand der Unverantwortlichkeit) über sechzehn Jahre der Regierung Kohl fröhlich verkündet: "Die Rende is' sischer" - gerade, dass er es unterließ, noch hinzuzufügen, für wie lange. Und nun dieses! Dabei konnte jeder einigermaßen nüchterne Mensch an der Bevölkerungsstatistik ablesen, dass eine Bevölkerung, die immer mehr Alter und immer weniger Junge verzeichnet, sich auf ein umlagefinanziertes Sozialsicherungssystem niemals verlassen darf, es sei denn, die Wirtschaft erreiche exorbitante, völlig unrealistische Wachstumsraten. Und sage niemand, eine andere Regierung (Schimpf auf die gegenwärtige, wie auf jede Regierung, die amtiert!) hätte das nötige, unrealistisch hohe Wachstum ansteuern können.So, nun ist die dynamische Altersrente praktisch perdu - und indem dies zugegeben wurde, indem der Blick in den Abgrund des Umlagesystems getan wurde, ist auch die Verfassung der Bundesrepublik de facto an einem ihrer Grundpfeiler de facto verändert.Aber damit kein ungerecht einseitiges Urteil über die Politiker zustande kommt: Das hätte auch jeder vernünftig rechnende Bürger wissen können, vor allem, wenn die Politiker gewagt hätten, es ihnen deutlich genug zu sagen, nämlich: Am künftigen Zuwachs einer Gesellschaft kann nur teilnehmen, wer in diese Zukunft investiert hat. Bei der dynamischen Altersversorgung, so wurde damals unterstellt, geschah dies durch die Geburt, Pflege, Erziehung und Ausbildung von Kindern für die künftige Gesellschaft; aber dann kam wenige Jahre später der Siegeszug der "Pille" - und schon richteten sich die meisten ohne diese Zukunftsgedanken in ihrer bequemen, sorgenfreien Gegenwart ein; war ja auch billiger. Wer aber in die Zukunft nicht mit eigenen Kindern investieren will (und kann) und dadurch gegenwärtig Geld erspart, der darf eben für dieses Geld nicht konsumieren, sondern muss (mindestens) diesen Betrag selber in die Wirtschaft investieren, also - sparen; und zwar nicht nur unter dem Kopfkissen, sondern eben investiv.So einfach ist das: Es muss schon - so oder so - jeder selber für seine Zukunft aufkommen. Man kann es auch so sagen: Jede Generation muss die Entscheidung für ihren eigenen Lebensstil eines Tages doch selber bezahlen. Und so folgen nun für viele auf die kinderarmen aber konsumreichen Jahre die enkellosen und kargen Jahre im Altersheim; wenn sie den Platz dort noch bezahlen können. Das jedenfalls is sischer!