Die Entstehung der europäischen Sicherheitspolitik geht mit erhöhter diplomatischer Temperatur einher. Der amerikanische Nato-Botschafter darf inzwischen selbst minimale Fortschritte öffentlich als „Bedrohung“ für das Bündnis geißeln und den Nato-Rat flugs zu einer Sondersitzung beordern. Die Europäer hingegen beschwichtigen allerorten in unschuldigem Tone, die Union nehme nur ihre militärischen Verpflichtungen endlich ernst, kein Grund für Argwohn also.

Ganz ehrlich spielt dabei keiner. Wissen doch beide Seiten, welche Wunden der Irak-Krieg in das einst so intakte Verhältnis geschlagen hat. Seither herrscht über dem Atlantik Murphys Gesetz: Alles, was missverstanden werden kann, wird auch missverstanden. Etwa die engere militärische Zusammenarbeit Deutschlands, Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs, die ausgerechnet mitten in der atlantischen Eiszeit die eigene Achse stärken. Missverstanden werden mittlerweile auch die Angebote der EU, mehr militärische Verantwortung im Balkan zu übernehmen.

Wahrscheinlich hilft im transatlantischen Wirrwarr nur noch der – konzeptionelle – Neustart, am besten mit der Frage: Wie würde eine europäische Sicherheitspolitik heute aussehen, begänne man bei null? Die Antwort, auch die der Amerikaner, wäre klar: Bestimmt nicht so, wie die real existierende, mit ihren nationalen Stäben und Armeen, die alle ihre Panzer, Schiffe und Raketen national beschaffen, pflegen und vorhalten. Im Gegenteil. Sie würde Kapazitäten bündeln, Spezialisierung verstärken, Zusammenarbeit fördern.

Welch Fortschritt also, dass die Europäer endlich über genau das nicht mehr nur in abstrakten Formeln reden, sondern konkret planen wollen. Wie gut auch, dass diejenigen Länder, die mehr zu bieten haben und traditionell integrationsfreundlicher sind, auf diesem Weg voranschreiten wollen. Das kann sie als Partner der USA nur aufwerten. Hatte doch Washington vom Alten Kontinent immer wieder gefordert, selbst endlich mehr und Klügeres für seine Sicherheit zu tun.

Und die Gefahr einer Abkoppelung von den USA? Wie EU-Gipfel und Nato-Rat jüngst erst wieder bewiesen haben, wird die Mehrheit der europäischen Regierungen das schon zu verhindern wissen – im erweiterten Europa übrigens mehr denn je. Javier Solana, Hoher Repräsentant des Europäischen Rates, murmelt daher auf Fragen nach der atlantischen Großwetterlage zu Recht ganz entspannt: „Macht nicht so ein Drama daraus.“