Achtung: Dieser Text ist kein Roman, auch keine Autobiografie. Personen und Handlungen sind frei erfunden. Die heimlichen Lüste der Frau Nachbarin und die unheimlichen Neigungen des Herrn Bürgermeisters werden hier ebenso wenig enthüllt wie das Liebesleben des Verfassers, auch nicht die Frage, wie Frau Feldbuschs Baby gezeugt wurde. Was sich insofern erübrigt, als die junge Mutter auf der Titelseite von Bild darüber Auskunft gegeben hat.

"Vieles hätte ich verstanden, wenn man es mir nicht erklärt hätte", hat der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec einmal gesagt. Angewendet auf den grassierenden Entblößungswahn, müsste man hinzufügen: Da nun schlechthin alles erklärt, entlarvt, entzaubert wird, versteht man rein gar nichts mehr. Man versteht nicht, weshalb eine der größten Errungenschaften des bürgerlichen Rechtsstaates, der Schutz der Privatsphäre, dermaßen leichtfertig, ja gut gelaunt geopfert wird. Exhibitionismus und Voyeurismus sind zu einem Gesellschaftsspiel geworden, unter dessen amüsanter Oberfläche sich jener Strukturwandel der Öffentlichkeit fortsetzt, den Jürgen Habermas schon vor 40 Jahren vorausgesehen hat: Im gleichen Verhältnis, wie sich das Privatleben veröffentliche, so Habermas, nehme die Öffentlichkeit selbst Formen der Intimität an. Das Politische löst sich auf im Gequassel.

Der Flohmarkt der Lebensläufe

Was soll es bedeuten, dass halb gare Jünglinge, die fast zum "Superstar" geworden wären, ihre Autobiografie vorlegen; dass rechtschaffene Hausfrauen sich in Talkshows leiblich und seelisch entblößen; dass so genannte Prominente Tisch und Bett samt lebensgeschichtlichem Inventar auf die Bühne schleppen und namhafte Schriftsteller ihr Liebesleben plündern, als befänden wir uns auf dem Flohmarkt der Lebensläufe? Jede Ähnlichkeit mit Lebenden oder Verstorbenen ist kein Zufall und vollkommen beabsichtigt. Aber wollen wir das wissen? "Was geht dich’s an?", fragt Faust den geilen Mephisto vor seiner Liebesnacht mit Gretchen, und der Teufel entgegnet: "Hab ich doch meine Freude dran!"

Man hat seine Freude dran, wenn Mitbürger, als herrsche der permanente Karneval, die Hosen herunterlassen (Verona Feldbusch: "Es war die mexikanische Reizwäsche!"), obgleich es doch eine schäbige Freude ist. Diese offenbart das allmähliche Sinken der Peinlichkeitsschwelle. Die Empfindung des Peinlichen beruht auf der Trennung des Privaten vom Öffentlichen. Das Private ist der Raum, in dem sich das Individuum vor dem Zugriff anderer geschützt fühlen darf. Die bürgerlichen Freiheitsrechte, wie sie etwa im Post- und Fernmeldegeheimnis und der Unverletzlichkeit der Wohnung ausgedrückt sind, garantieren diesen Schutz vornehmlich gegen den Staat. Aber diese Rechte rechnen mit einem Individuum, das sich selbst für unveräußerlich hält.

Vorbei, vorbei. Der Staat als furchterregender Leviathan, der durch Recht und Gesetz zu bändigen wäre, erscheint seit einiger Zeit selbst als schwach, fast schützenswert. Wie schwer es ihm fällt, das Allgemeinwohl gegen die Einzelinteressen durchzusetzen, ist ein Dauerthema der Politik. Es könnte sein, dass wir aus unserer Geschichte, die den Staat allzu oft als den Feind individueller Freiheit gezeigt hat, falsche Schlüsse ziehen. Der Philosoph Arnold Gehlen hat bereits 1975 bemerkt, die Väter des Grundgesetzes seien nach der Erfahrung des Hitlerreiches von der Überzeugung durchdrungen gewesen, "man müsse den Einzelnen gegen den Staat schützen, und sie dachten nicht an die heute offensichtliche Notwendigkeit, den Einzelnen vor der Zudringlichkeit der Gesellschaft zu schützen, oder auch vor den Massenmedien".

Die Medien erwecken den Eindruck, die Intimsphäre sei kein schützenswertes Gut mehr, allein deshalb, weil das größte denkbare Glück für alle scheinbar darin besteht, sich selbst öffentlich auszustellen. Dieser Eindruck trügt. Denn erstens hat das Gehege des Privaten immer noch seine Bedeutung, sonst wäre der Reiz, es zu verletzen, gegenstandslos. Das Schlüsselloch ist nur interessant, wenn es geschlossene Türen gibt. Und zweitens wehren sich immer mehr Betroffene gegen absichtsvolle Bloßstellungen und Demütigungen. Das zeigen die Gerichtsverfahren, die gegen den Memoirenschreiber Dieter Bohlen sowie gegen die Schriftsteller Birgit Kempker, Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst erfolgreich angestrengt worden sind.

Unserer historischen Erfahrung entsprechend, neigen wir dazu, jede Einschränkung der Meinungsfreiheit, insbesondere der Kunstfreiheit heftig zu missbilligen. Dieser richtige Impuls aber verkennt, dass die Rechte der Person gegen üble Nachrede und hämische Bloßstellung ein ebenso hohes Gut sind wie die Meinungs- und die Kunstfreiheit. Der Widerspruch zwischen beiden Gütern ist geringer, als oft behauptet wird. Marcel Proust hat, als er in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit den wirklichen Baron de Montesquiou porträtierte, ihm den Namen Charlus gegeben, und jeder konnte wissen, wer gemeint war. Um die Spuren zu verwischen, lässt Proust einmal den Baron leibhaftig auftreten, und Charlus hat gewissermaßen ein Alibi. Ein solcher Trick schadet dem Kunstwerk nie, es erhöht im Gegenteil seinen Reiz.