Es begann mit einer Plauderei. Werner Karrasch, stellvertretender Personalratsvorsitzender im Bundesministerium der Verteidigung, gab einem geschätzten Kollegen einige Tipps zur Karrieregestaltung. Artur Waldmann vom Amt für die Sicherheit der Bundeswehr wollte gerne Abteilungsleiter werden. Ganz nebenbei kamen die beiden Beamten auf den ranghöchsten General der Bundeswehr zu sprechen, auf Günter Kießling, den stellvertretenden Oberbefehlshaber der Nato in Brüssel. Karrasch waren Gerüchte zu Ohren gekommen, dass Kießling "homosexuelle Neigungen" habe. Zwar war die Männerliebe seit 1969 in der Bundesrepublik nicht mehr strafbar, nach den Richtlinien der Bundeswehr jedoch wurde sie als "abnormes Verhalten auf sexuellem Gebiet" und damit als Sicherheitsrisiko eingestuft: Wer schwul ist, muss dies geheim halten und ist deshalb erpressbar. Kießling war, höchst verdächtig, unverheiratet – zu offiziellen Empfängen tauchte er immer mit seiner Sekretärin auf. Seine freie Zeit verbrachte der Privathistoriker meist in Bibliotheken; bei den obligaten Golfrunden der anderen Brüsseler Generale spielte er nie mit. Waldmann wurde hellhörig, schließlich war sein Amt für Sicherheitsrisiken zuständig. Nach zehn langen Jahren im Rang eines Regierungsdirektors witterte er die große Karrierechance.

Einige Tage später setzte er einen Bericht an seinen Vorgesetzten auf: "Unter Quellenschutz erklärte am 27. 7. 83 MinRat Karrasch BMVg – HPR–, daß Gen. Dr. K. wegen seiner angeblichen homosexuellen Veranlagung von dem Nato-Befehlshaber General Rogers nicht mehr persönlich empfangen werde. Er sei ,händchenhaltend‘ mit einem Obersten gesehen worden. Der Versuch, ihn wegen seiner homosexuellen Veranlagung dienstunfähig zu schreiben, sei an der Weigerung des zuständigen San[itäts]-Arztes gescheitert."

Ein Mann will nach oben

Aus einer Plauderei war damit ein aktenkundiger Vorgang geworden, der, ein Jahr nach dem Amtsantritt von Helmut Kohl als Bundeskanzler, den ersten Sittenskandal von politischem Gewicht in der Geschichte der Bundesrepublik auslösen sollte. Von heute aus betrachtet, genau zwei Jahrzehnte später und zu einer Zeit, da an der Spitze der beiden größten deutschen Städte zwei mehr oder weniger bekennende schwule (SPD- wie CDU-)Politiker stehen, erscheint diese Affäre kaum mehr nachvollziehbar und nur durch das seit tausend Jahren selten gelüftete deutsche Militärmilieu zu erklären. Aber schon 1983/84 spielte die Öffentlichkeit nicht die Rolle, die ihr obrigkeitsseits im Stillen wohl zugedacht war: Das Triebschicksal eines Generals konnte niemanden mehr ernstlich entrüsten. Am Ende solidarisierte man sich mit dem Düpierten – und ein ganzes Ministerium geriet ins Wanken.

Doch zunächst nahm die Sache ihren feldgrauen Dienstweg. Artur Waldmann, der Mann, der nach oben wollte, schickte seinen Bericht an seinen Vorgesetzten und wies den Militärischen Abschirmdienst (MAD) in Bonn an, gegen General Kießling "mit Vorrang in Brüssel" die Ermittlungen aufzunehmen. Doch dem MAD erschienen Recherchen im Nato-Hauptquartier zu heikel, zumal die Weisung nicht vom Verteidigungsminister persönlich kam. Auch Waldmanns Vorgesetzte beim Amt für die Sicherheit der Bundeswehr waren vom forschen Vorgehen ihres Beamten wenig angetan. Der Regierungsdirektor mit Aufstiegsambitionen musste seinen Auftrag telefonisch zurückziehen. Plan B kam zur Anwendung.

General Kießling hatte acht Jahre lang in Köln gewohnt, damals wie heute keine Stadt von Traurigkeit. Waldmann rief beim MAD in Düsseldorf den Stabsfeldwebel Jürgen Idel an, da dieser über gute Kontakte zur Kölner Kriminalpolizei verfügte. Kurzer Dienstweg: Ohne das offiziell erforderliche Amtshilfeersuchen bat Idel einen leitenden Kripo-Kollegen, seine Männer sollten sich mal in der Kölner Schwulenszene ein wenig umhören. Kein Problem, Kommissar Helmut Simon ermittelte sowieso gerade wegen eines Mordes an einem Strichjungen.

Am 5. September zog er mit einem Kollegen durch die Kölner Bars, ein Passbild von Kießling in der Hand. Viel Bedeutung maß Simon dem Fall nicht zu. Er war von seinem Vorgesetzten nicht einmal unterrichtet worden, um wen genau es sich auf dem Foto handelte. Irgendjemand von der Bundeswehr halt, Vorname Günter, mehr wusste er nicht. Dennoch: Keine 150 Meter vom Polizeipräsidium entfernt, in der Stricherkneipe Café Wüsten, konnte Simon seinen ersten Ermittlungserfolg verbuchen. Der Wirt war sich sicher, den Mann vor länger als zehn Jahren einmal im Café gesehen zu haben.

Hat der General "an sich herumgespielt"?