Helsinki hat seiner glitzernden Einkaufsmeile Aleksanterinkatu eine Gehwegheizung verpasst. Nie wieder müssen die Finnen beim Einkaufsbummel durch dreckigen Schneematsch stapfen oder über vereiste Flächen schlittern. Was bisher im hohen Norden nur Island gewährleisten konnte (dank seiner heißen Geysire, deren Abwärme man unter den Gehwegen entlangleitet), ist nun auch in Finnland Wirklichkeit geworden: der ganzjährig rutschfreie Einkauf. So viel Luxus macht neidisch. Doch keine Prasserei, sondern ökonomisches Kalkül ist in Finnland am Werke. Das unter den Gehwegplatten installierte Röhrensystem mit seinem Wasser-Ethylen-Glykol-Gemisch bezieht seine fußschmeichlerische Temperatur aus abfließender Fernwärme und spart beachtliche Kosten fürs Schneeräumen und die Straßenreinigung. Vor allem ermöglicht es einen unbeschwerten Schaufensterbummel; die Passanten müssen nicht mehr fürchten, in einer Schneewehe zu versinken. Das kurbelt den Konsum an. Kein Wunder, dass die anliegenden Geschäfte fast sechzig Prozent der Heizung selbst bezahlen. Wäre das nicht eine Anregung für den deutschen Weihnachtsverkauf? Sollte sich der Einzelhandel die Parole der Pisa-Studie – Von Finnland lernen heißt siegen lernen! – zu Eigen machen?

Aber hierzulande herrscht auch in Sachen Bürgersteig Reformstau. Wenn denn schon mal ingenieurstechnische Leidenschaft innovative Trottoirs ersinnt, fehlt es am Umsetzungswillen. Da hat die Karlsruher Firma HWS Technologie AG Bürgersteige entwickelt, die ganz einfach hochzuklappen sind, und kaum jemanden interessiert das. Dabei dienen sie, in die Senkrechte gebracht, als effektiver Hochwasserschutz. Das wäre doch etwas für Köln und Dresden. Aber Flut war ja im letzten Jahr. Für Schlagzeilen sorgen Bürgersteige in Deutschland nur als Orte des Schreckens. Schon immer war es schwierig, auf Gehwegen, denen die Stadtplaner oft nur die "lichte Mindestbreite" von anderthalb Metern zugestehen, um geparkte Autos und Sperrmüll, Straßenhändler und Frittenbuden herumzukurven. Oder jenen netten Zeitgenossen aus dem Weg zu gehen, für die jede Begegnung auf dem Trottoir ein Showdown ist: Wer weicht als Letzter aus? Derart herausgefordert, übersieht man dann wieder einen Hundehaufen oder landet auf dem Schoß eines Latte Macchiato trinkenden Straßencafé-Besuchers.

Zudem kennt der unerbittliche Wille zur Mobilität, der unsere Gesellschaft vorwärts treibt, kein Erbarmen: Die Rede ist nicht von hasardierenden Fahrradkurieren und irregeleiteten Velotaxis, sondern von Inline-Skatern, zu Kickboards mutierten Rollern (die in der Schweiz übrigens Trottinette heißen) und agilen Babyjoggern auf dem Weg zum nächsten Park.

Ein strauchelnder Kunde ist ein Kunde weniger

Auch wenn es eine gewisse Rechtsunsicherheit gibt, wer von den jugendlichen Rasern jeglichen Alters überhaupt auf den Bürgersteig gehört und wer nicht: Die Ausweitung der Kampfzone ist das Signum unserer Zeit. Kein Wunder also, dass der Konsum darniederliegt: Wer tatsächlich plant, in Ruhe vor einer Schaufensterauslage zu verweilen, sollte vorher die Sanitäter informieren. Und noch eins: Angesichts der Misere der öffentlichen Kassen verkommen die Gehwege zu tückischen Stolperfallen. Notdürftige Asphaltflicken sorgen selten für Abhilfe, im Gegenteil. Selbst im tadellosen Zustand sind die Fußwege mancherorts eine Zumutung. Etwa das so genannte Charlottenburger Pflaster in Berlin. Die Granitblöcke aus der Lausitz, wegen ihrer Form – oben glatt, unten tief gewölbt – liebevoll "Schweinebäuche" genannt, bestechen zwar durch ihr mehr als biblisches Alter (in der Regel hat der "Lausitzer Granodiorit" 600 Millionen Jahre auf dem Buckel). Aber nicht zuletzt ihr märkisches Sandbett verleiht den Fugen beachtliche Höhenunterschiede, die längst justiziabel wurden, nur "Bürgersteigunebenheiten von 1,5 Zentimetern sind hinzunehmen", befinden die Gerichte.

Dass ein strauchelnder Kunde meist ein Kunde weniger ist, realisierte in Berlin zuerst die legendäre Weinstube Lutter und Wegner und ließ vor ihrem Lokal am Gendarmenmarkt Gehwegplatten verlegen. Der Erfolg überzeugte auch den Preußenkönig Friedrich WilhelmIII., der den ab 1835 einsetzenden Gehwegbau sinnigerweise mittels Hundesteuer subventionierte. Als dann im Lauf des Jahrhunderts Straßenpflasterung und Schwemmkanalisation den unvorstellbaren Unrat auf den Straßen beseitigten und allerorten komfortable Laufstege entstanden, auf denen sich trefflich promenieren ließ, bevölkerten bald Bordsteinschwalben und Flaneure das neue Biotop. Denn erst, wenn der Blick nicht mehr starr auf den Boden geheftet sein muss, kann er schweifen und mit ihm die Gedanken und Gelüste.

Doch irgendwann obsiegte die autogerechte Stadt und verbannte die Nichtautomobilisten in kunststeingepflasterte Fußgängerzonen und klaustrophobische Unterführungen. Es ist die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der Arbeiter- und Bauernstaat in der Stalinallee Bürgersteige von einer Breite schuf, wie sie sonst nur die Bourgeoisie in Paris genoss. Das aber blieb Episode. Wenn später irgendwo in der DDR Teerstraßen altes Katzenkopfpflaster ersetzten, kam stets das Gerücht auf, nun müsse man schon Steine in den Westen verkaufen.

In Berlin-Wedding wurden 140 Meter Bürgersteig gestohlen