Mehr als 100 Milliarden Euro haben die Versicherer in den vergangenen drei Jahren an der Börse verbrannt. Die "Gefahr von Überschuldung oder sogar Insolvenz" sei "erheblich gestiegen", heißt es bei der Rating-Agentur Fitch. Auf Basis der Zahlen von 2002 hat Fitch einen Stresstest durchgeführt, bei dem es darauf ankam, ob die Kapitalanlagen der Versicherer für eine Extremsituation – etwa einen Aktiensturz um 30 Prozent – ausreichen. Von 86 getesteten Unternehmen fielen 50 durch.

Die Versicherer stehen vor zwei Problemen:

die Aktienquote: Im Börsenrausch konnte der Aktienanteil bei der Geldanlage nicht hoch genug sein. Selbst als die Kurse krachten, kauften die Optimisten in den Konzernetagen weiter Aktien – um diese später mit Verlusten abstoßen zu müssen. Um zu retten, was zu retten ist, haben die Unternehmen im Schnitt ihre Aktienquote auf dramatisch niedrige sieben Prozent reduziert, so tief war die Quote nicht einmal Mitte der neunziger Jahre, als von Börsenboom keine Rede war. Das Dilemma: Weil die Finanzprofis in den Versicherungen genauso prozyklisch handeln wie Börsenlaien, besitzen sie inzwischen so wenig Aktien, dass sie von den jüngsten Kursgewinnen am Aktienmarkt kaum profitierten.

die Anleihenrendite: Nicht nur die Aktienindizes sind gestiegen, sondern auch die Zinsen an den Anleihemärkten. Weil im Gegenzug die Anleihenkurse fielen, sind die stillen Reserven der Versicherer in Anleihen geschrumpft. Fitch Ratings geht davon aus, dass die Unternehmen bis zum Jahresende einen Teil ihrer Anleihen verkaufen werden. Bloß: Wegen der massiven Verkäufe dürften die Anleihekurse nochmals fallen – und damit weitere stille Reserven in den Bilanzen vernichten. Das gefährdet die Solidität der Unternehmen.

Für die Kunden bedeutet das zweierlei: Erstens wird die Gewinnbeteiligung der Lebenspolicen – im Branchenschnitt 4,7 Prozent – weiter sinken; kapitalschwache Anbieter werden über Jahre hinweg nur den Mindestsatz von 2,75 Prozent bei neuen Verträgen zahlen. Zweitens muss unbedingt eine staatlich geregelte Lösung für in Schieflage geratende Versicherer her, weil nur so die Sicherheit der Kundengelder gewährleistet ist.

Bislang ist für Krisenfälle die von den Versicherern auf freiwilliger Basis organisierte Auffanggesellschaft Protektor zuständig. Doch mit einer Kapitalbasis von 5,2 Milliarden Euro ist Protektor zu schwach; die Krise mehrerer Unternehmen wäre nicht zu stemmen. Und wer garantiert, dass sich die Lebensversicherer wirklich verpflichtet fühlen, einem Unternehmen zu helfen, dass durch Missmanagement in die Krise geraten ist? Und womöglich mehrfach? Immerhin kostet jede Rettungsaktion viel Geld und könnte damit im Extremfall sogar die eigene Existenz gefährden.

Das Produkt Lebensversicherung ist so bedeutsam, dass die Politik alles unternehmen muss, um die Sicherheit der Kundengelder zu gewährleisten. Deshalb muss schnell eine gesetzlich geregelte Auffanglösung her. Dass die Versicherer ihre Probleme allein nicht lösen können, haben sie hinreichend bewiesen.