Das Volk hatte die Sache gleich verstanden. Nachdem die Pisa-Studie vor knapp zwei Jahren den deutschen Schulen ein miserables Zeugnis ausgestellt hatte, forderten Leserbriefschreiber prompt "Pisa für Politiker" und "Pisa für Manager". Seitdem sind die vier Buchstaben – die Abkürzung für Programme for International Student Assessment – zur Metapher für groß angelegte Wissensinventuren geworden. Experten erwägen ein "Pisa für Hochschulen"; ein internationaler Vergleichstest für Lehrer ist bereits in Planung.

Doch dies alles war nur das Vorspiel. Geht es nach den Initiatoren des größten Schultests aller Zeiten, wird künftig nicht nur das Wissen von Lernenden und Lehrenden, sondern gleich das der gesamten Bevölkerung geprüft. Pisa für alle! Tatsächlich will die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) weltweit die Kompetenzen der Erwachsenen untersuchen. Auf 12 Seiten hat die OECD, eine Denkfabrik der 30 stärksten Industriestaaten, das Projekt skizziert. Am kommenden Mittwoch wird das Vorhaben in Paris den Mitgliedsländern erstmals unterbreitet.

"In Zukunft sind Wissen, Kultur und soziales Kapital die wichtigsten Ressourcen", sagt Andreas Schleicher, der bei der OECD die Abteilung für Analysen und Bildungsindikatoren leitet. Die klassischen Grundlagen für den Wohlstand eines Landes seien erforscht. Die meisten wirtschaftspolitischen Steuerungsmittel seien ausgereizt. "Aber uns fehlen fast jegliche Erkenntnisse über die in Zukunft entscheidenden Kompetenzen", sagt der OECD-Chefanalytiker. In vielen Industrieländern habe man das bereits begriffen. Nur was sein Heimatland betrifft, ist sich der Deutsche Schleicher nicht so sicher. Zugleich warnt Schleicher vor der Fixierung auf Defizite. Die Studie will Erfolgsstrategien herausarbeiten: "Viel interessanter als die lange Mängelliste in Deutschland war doch bei Pisa der Erfolg Finnlands."

Die OECD will bei der Globalbefragung nach drei Altersgruppen differenzieren:

– Bei den 20- bis 35-Jährigen wollen die Bildungsprüfer an bisherige Pisa-Ergebnisse anknüpfen: Wie entwickeln sich die bereits früher getesteten 15-Jährigen weiter? Welches Wissen erwerben sie nach dem Übergang von der Schule zur Hochschule oder in den Beruf? Wovon hängt der spätere Erfolg ab?

– Das Wissen der 35- bis 50-Jährigen lässt Rückschlüsse darauf zu, welche Kompetenzen in der Arbeitswelt heute gefragt sind. An welches Wissen knüpfen Menschen, die mitten im Beruf stehen, an? Und welche Länder haben dabei Defizite?

– Bei den über 50-Jährigen stellt sich die Frage, welche Erfahrungen ihnen in einer gewandelten Arbeitswelt noch nützen. Schließlich können sie angesichts demografischer Entwicklungen noch fast zwei Jahrzehnte Arbeit vor sich haben. In welchen Ländern ist lebenslanges Lernen bereits verwirklicht?

Die Studie ist kühn als ein Lernmittel für die globale Wissensgesellschaft entworfen. Dabei soll sie den Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft auf vier Feldern nachzeichnen. Die beiden ersten betreffen – wie in der Pisa-Studie für Schüler – "Literacy", also Lesen und den Umgang mit Informationen sowie das selbstständige Problemlösen. Vor allem bei der zweiten Basiskompetenz hatte die Pisa-Studie bei deutschen Schülern enorme Probleme zutage gefördert. Wird es bei den Erwachsenen ebenso sein?