Wenn Paul Achleitner dieser Tage mal in der Hamburger Zentrale der Beiersdorf AG vorbeischaute, müsste sich der Finanzvorstand des größten deutschen Versicherungskonzerns eine Menge anhören. "Die Allianz hat viele Jahre lang hervorragend an uns verdient. Jetzt könnten die auch mal etwas Verantwortung zeigen", schimpft etwa Jürgen Krause, der Vorsitzende des Betriebsrats. "Wir brauchen niemanden, der uns kaputtmacht."

Krause, zugleich stellvertretender Aufsichtsratschef von Beiersdorf, ist mit seiner Kritik noch zurückhaltend. Der größte Teil der Belegschaft empfindet der Allianz gegenüber bloß noch pure Wut. Denn der Münchner Versicherungskonzern ist für die absurde Situation verantwortlich, dass einige tausend Mitarbeiter des Nivea-Herstellers in ständiger Angst um ihren Arbeitsplatz leben müssen, obwohl Beiersdorf gar kein Problemfall ist – sondern mit einem Jahresüberschuss von 290 Millionen Euro sogar hoch profitabel.

Doch seit zwei Jahren heißt es alle paar Wochen, Beiersdorf werde verkauft und teilweise geschlossen. Die Allianz will sich nämlich seit langem von ihrem Aktienpaket trennen – 44 Prozent hält sie am Unternehmen. Sie hat es bislang bloß noch nicht getan.

Dieses Mal scheint es ernst zu sein. Großes Interesse an Beiersdorf hat ein Konsortium um die Hamburger Tchibo-Holding. Der Kaffeeröster hält bereits 30 Prozent der Aktien. Als potenzieller Käufer gilt aber auch der amerikanische Konsumgüterkonzern Procter & Gamble. Der Beiersdorf-Konkurrent produziert unter anderem Pampers, Ariel und Tempo-Taschentücher.

Die Beiersdorfer sehen sich ihrem Großaktionär Allianz und dessen Finanzvorstand Achleitner regelrecht ausgeliefert. Tchibo würde sie wohl weitgehend in Ruhe arbeiten lassen, bislang haben sich die Kaffeeröster ja auch kaum in die Geschäftspolitik eingemischt. Bei Procter & Gamble hingegen könnte die Zukunft ganz anders aussehen. Gelänge es dem finanzstarken US-Konzern, neben dem Allianz-Paket auch noch weitere Aktien zu erwerben, dürfte vom Traditionsunternehmen über kurz oder lang bloß noch die Marke Nivea übrig bleiben. Dann stünde "jeder zweite Arbeitsplatz bei Beiersdorf auf dem Spiel", sagt Krause, also rund 9000 Jobs. Wofür bräuchte man in Hamburg noch Verwaltung, Produktionsstätten oder Forschungsabteilungen, wenn das Geschäft aus den USA gesteuert würde? Welche Zukunft hätten Labello, Atrix, Tesafilm und all die anderen Produkte von Beiersdorf?

In wenigen Tagen, so schätzen Branchenkenner, werde erkennbar sein, wen die Allianz bevorzugt – aber auch das wurde schon oft behauptet. Es heißt, der Versicherungskonzern habe in den vergangenen zwei Jahren die meisten Kaufgerüchte selbst lanciert, um den Preis hochzutreiben. Das Aktienpaket ist mindestens vier Milliarden Euro wert, und schon früher galten mal der Düsseldorfer Henkel-Konzern, mal der französische Kosmetikriese L’Oreal als willige Abnehmer.

Holger Seimer ist es mittlerweile leid, immer wieder an das Hin und Her erinnert zu werden. Der 59-Jährige arbeitet seit drei Jahrzehnten im Fuhrpark von Beiersdorf und hatte eigentlich nie Angst um seinen Job. "Wenn ich meine Touren zum Hafen mache, lautet die erste Frage jetzt immer: Na, seid ihr schon übernommen worden?", sagt er und fühlt sich "verraten und verkauft". Das Argument, dass Arbeitsplätze wenigstens dann sicher seien, wenn man – wie bei Beiersdorf – hart und erfolgreich arbeitet, kann er längst nicht mehr nachvollziehen.

Was bleibt, sind Wut und Verzweiflung. Beate Böhle, Event-Managerin in der Hamburger Zentrale, hat bereits ihre "ganze Verwandtschaft dazu gebracht, keine Procter-&-Gamble-Produkte mehr zu kaufen". Und wenn die Allianz sich gegen Tchibo entscheiden sollte, will sie ihre Kollegen dazu bringen, all ihre Allianz-Versicherungspolicen zu kündigen: "Es kann ja nicht sein, dass die Allianz an uns verdient und uns zum Dank dafür opfert."