Bern

Anderswo spräche man von Wählerverschiebung, für die Schweiz ist es eine mittlere Revolution. Die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei ist nun die dominierende Kraft im Land. Die bisher tonangebenden Mitte-rechts-Parteien sind arg gebeutelt. Und die mehr als 40-jährige "Zauberformel", die alle bedeutenden Gruppierungen in die Regierung einbindet, ist auf einmal infrage gestellt. Die Ursache für den politischen Erdrutsch hat einen Namen: Christoph Blocher. Ohne ihn sind die Wahltriumphe der einst betulichen Bauern- und Gewerbepartei SVP nicht zu erklären.

Blocher ist der einflussreichste und der einzige auch im Ausland bekannte Schweizer Politiker. Doch was macht den anhaltenden Erfolg des heute 63-jährigen Pfarrerssohns aus, der eigentlich Bauer werden wollte und heute eine Firma mit fast 3000 Mitarbeitern, die Ems-Chemie, besitzt und führt? Gerade Letzteres ist entscheidend: Die Schweizer mögen keine Stars, ob nun in der Politik, in der Wirtschaft oder im Show-Geschäft. Oder wie es Jean Ziegler ausdrückt, der Bestsellerautor, Expolitiker und heutige UN-Sonderbeauftragte für das Recht auf Nahrung: "Hebt einer den Kopf über den Nebel des Schweizer Mittellandes, so heißt es: Rübe ab!"

Unternehmer jedoch, Selfmademen, genießen größten Respekt. Hinzu kommt, dass er vom Volk als authentisch, als "einer von uns" wahrgenommen wird. Aufgrund seiner Ausbildung – Doktor der Rechte magna cum laude –, als Exarmeeoberst und als Multimilliardär gehört er natürlich zum Establishment. Er hat aber stets Distanz zu den Eliten gewahrt – und wurde von diesen nie als einer der ihren empfunden. Blocher wirkt nicht nur, er ist volkstümlich. Als "Inbegriff der Schweizer Gemütswurst" sieht ihn der Schriftsteller Jürg Laederach. Was vielen ganz besonders gefällt an Blocher, ist, dass er es wagt, "denen dort oben in Bern" zu sagen, was sie selbst sagen möchten, sich aber nicht trauen. Blocher verkörpert den kleinen Rebellen, der in so manchem steckt. Er artikuliert Missmut und Empörung, in kurzen Sätzen und markigen Worten. "Blocher ist ein Boulevardpolitiker – 72 Punkt, halbfett, grotesk", sagt ein Zeitungsmann. Vor allem verkörpert er jene Skepsis gegenüber Neuem, Fremdem und gegenüber der Macht, die typisch ist in einem Land, in dem es rasch heißt: "Bloß nicht!", wenn jemand mit kühnen Projekten und großen Visionen daherkommt. Von solcherlei hält Blocher nichts. Er weiß instinktiv, wo die Bürger der Schuh drückt und welche Themen sich wählerwirksam umsetzen lassen. So hat er als Erster gemerkt und ausgenutzt, dass auch in der Schweiz mit ihrer Tradition der Konkordanzregierung bei vielen ein großes Bedürfnis nach Opposition besteht. Vor allem seit die Verteilungskämpfe härter werden und die sozialen Konflikte zunehmen. Er verstand es auch, die diffuse Abneigung der Eidgenossen gegen die EU zu bündeln. Und obschon er selbst durchaus kein Rassist oder Ausländerfeind ist, flirtet er mit dem Fremdenhass. Neuerdings zapft Blocher gar erfolgreich das Reservoir an Wählern aus Wirtschaftskreisen an, von Ellenbogen-Wirtschaftsliberalen bis zu Neo-Yuppies, die vor allem eines eint: die Abneigung gegen Staat und Steuern. Die Rezeptur mag wild sein, doch es gelingt Christoph Blocher, damit eine völlig heterogene Klientel zu gewinnen: die Bauern und Handwerker ebenso wie die Globalisierungsverlierer, Frustrierte und Ausländerfeinde – und nun zunehmend Wirtschaftsvertreter und Erfolgreiche. Freilich gründet der unaufhaltsam wachsende Zuspruch für die Blocher-Partei oft weniger in nüchternen Überlegungen als in Befindlichkeiten. Oder wie es der Schriftsteller Urs Widmer ausdrückt: "Am stärksten ist Blocher nicht mit seinen Argumenten, sondern dadurch, dass ihm sauwohl ist in seiner Haut. Egal, was er sagt, er sagt es mit Genuss – und scheint der einzige Schweizer zu sein, der nicht vor Angst schlottert." Zugespitzt, zweifellos, doch keineswegs falsch.