Rupfen statt rasieren: Vor zwanzig Jahren entwickelten israelische Tüftler das erste Epilationsgerät, das die Haare samt Wurzel aus der Haut reißt. Der neuartige Mechanismus von Epilady war international durch Patente geschützt, doch wenig später brachte eine andere Firma ein ähnliches Gerät auf den Markt. Die Erfinder zogen vor Gericht – und hatten Pech. In manchen Ländern entschieden die Richter zwar zugunsten der israelischen Firma, in anderen aber nicht. Damit war der Weg frei für billige Imitate. Und die Erfinder von Epilady verloren ein Vermögen.

Unter Fachleuten gilt der Patentstreit um die Enthaarungsgeräte bis heute als abschreckendes Beispiel. "Aus solchen Fällen müssen wir lernen", sagt die Biochemikerin Ute Kilger, die als so genannter European Patent Attorney beim Berliner Pharmakonzern Schering hilft, Neuentwicklungen aus dem Chemielabor in erfolgreiche Produkte zu verwandeln. Die 37-Jährige weiß: "Ein Patent muss wasserdicht sein, es darf nicht zu umgehen sein." Die Erfinder von Epilady hätten einkalkulieren müssen, dass andere Firmen das Gerät in modifizierter Form nachbauen könnten. Gegen Ideenklau kann man sich wappnen, indem man bei der Anmeldung eines Patents alle denkbaren Modifikationen mitschützen lässt. Doch das Epilady-Patent war eben nicht wasserdicht.

In der Pharmaindustrie wäre eine solche Nachlässigkeit fatal. "Manche Pharmapatente sind Milliarden wert", sagt Dietmar Harhoff, Professor für Innovationsforschung und Technologiemanagement an der Universität München. In einigen Fällen genügt schon die Patentierung einer bestimmten Molekülstruktur, um ein Monopol für einen Teil des Medikamentenmarkts zu gewinnen. Die eigenen Erfindungen durch Schutzrechte abzusichern reicht nicht. "Man muss genau beobachten, wie sich die Patentverfahren anderer Firmen entwickeln und seine eigene Produktentwicklung danach ausrichten", sagt Harhoff. Dafür brauche man eine "strategische Denke", zudem eine Kombination aus naturwissenschaftlicher, juristischer und unternehmerischer Kompetenz. Das aber sei eine äußerst seltene Mischung, sagt Thomas Seuß, der bei Schering die Patentabteilung leitet. Fachleute seien schwer zu finden.

Und womöglich genauso schwer zu halten. Seine Klientel sei "ziemlich verwöhnt", berichtet Stefan Wallenreiter, der vor fünf Jahren in Augsburg eine Personalagentur für Patentfachkräfte gegründet hat. Gute Leute bekämen viele Angebote und würden öfter mal abgeworben. Zum erlauchten Kreis der "Patent-Professionals" zählt Wallenreiter in Deutschland etwa 5000 Fachleute. Ihr Spezialwissen ist gefragt: in der chemisch-pharmazeutischen Industrie, bei Elektro- und Automobilkonzernen und nicht zuletzt in Patentanwaltskanzleien. "Neuerdings entdecken aber auch Mittelständler die Schutzrechte als strategisches Instrument und bauen spezialisierte Abteilungen auf", berichtet Wallenreiter. Etwa die Zulieferer der Automobilindustrie oder auch junge Bio-Tech-Firmen, die das Patentwesen gezielt nutzen, um sich Marktanteile zu sichern.

Ein Grund für den Mangel an versierten Fachleuten ist die abschreckend lange Ausbildung, die für eine Karriere in der Patentszene nötig ist. Der klassische Einstieg ist nicht das Jurastudium, sondern ein Diplom oder eine Promotion in einem technischen oder naturwissenschaftlichen Fach. Wer danach mindestens drei Jahre in einer Patentabteilung gearbeitet hat, darf vor dem Europäischen Patentamt die Prüfung zum European Patent Attorney machen. Als Auswahlkriterium für die Stellenvergabe sei die europäische Patentanwaltsprüfung heute "selbstverständlich, zum Teil sogar obligatorisch", sagt Kornelia Zimmermann, Vorstandsmitglied der Vereinigung von Fachleuten des Gewerblichen Rechtsschutzes (VPP) in Duisburg.

Viele Stellenausschreibungen setzen überdies die deutsche Patentanwaltszulassung voraus, die weitaus schwieriger zu haben ist. Die Grundlage ist auch hier ein naturwissenschaftlicher oder technischer Hochschulabschluss, außerdem ein Jahr Berufserfahrung im Patentwesen. Dann beginnt die juristische Zusatzqualifikation: 26 Monate praktische Ausbildung in einer Patentabteilung oder einer Patentanwaltskanzlei, anschließend weitere acht Monate bei Patentbehörden. Nebenbei ist ein zweijähriges Studium an der Fernuniversität Hagen fällig. Der krönende Abschluss ist die Prüfung vor dem Deutschen Patent- und Markenamt in München, die im letzten Jahr gerade mal 163 Bewerber erfolgreich absolvierten. Sie dürfen sich als Patentanwälte selbstständig machen oder entspannt in die Gehaltsverhandlungen mit potenziellen Arbeitgebern gehen. Ein Jahressalär von 75000 Euro gilt in der Branche als angemessene Entlohnung.

Im Arbeitsalltag haben die Patentexperten engen Kontakt zu den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen. Noch vor zehn Jahren hätten die Forscher meist selbst entschieden, ob und wie sich ihre Arbeitsergebnisse kommerziell auswerten lassen, berichtet Seuß. Das hat sich geändert. Inzwischen ist es bei Schering völlig normal, dass die Patentabteilung bei der Produktentwicklung mitredet – von den ersten Versuchen im Reagenzglas bis hin zur Markteinführung neuer Medikamente. Denn auch die Entscheidung, ob ein Präparat als Dragee oder mittels Spritze verabreicht wird, kann bei der Anmeldung eines Schutzrechts eine Rolle spielen und dem Konzern Marktanteile sichern.

Weltweit werden jeden Tag Hunderte von Patentanmeldungen bei Ämtern eingereicht und von diesen anschließend veröffentlicht – früher in Papierform, heute überwiegend in Datenbanken. Eine Patentschrift umfasst durchschnittlich zehn Seiten, die meist Grafiken und erklärende Texte enthalten. "Für Laien sind die Schriftstücke oft völlig unverständlich", sagt der Innovationsforscher Dietmar Harhoff, "man braucht schon eine besondere Ausbildung, um sich in die Patentsprache hineinzudenken." Dem Insider liefern die Dokumentationen wichtige Anhaltspunkte, um herauszufinden, welche Produkte andere Unternehmen in fünf oder zehn Jahren auf den Markt bringen könnten. Wichtig ist das intensive "Monitoring" der Konkurrenz. "Wenn unsere Forscher ein neues Produkt entwickeln, liefere ich ihnen regelmäßige Updates über die Entwicklungen, die bei anderen Firmen laufen", erzählt Kilger. Wenn zwei Unternehmen ähnliche Produkte entwickeln, überziehen sich die Patentabteilungen manchmal gegenseitig mit Einspruchsverfahren. Fremde Patentanmeldungen lassen sich dann aushebeln, wenn gegenüber dem Patentamt der Nachweis erbracht wird, dass Teile der angemeldeten Neuheit zum so genannten Stand der Technik gehören und bereits publiziert wurden – egal, wo. So wird die Konkurrenz aus dem Weg geräumt und der eigene Forschungsvorsprung ausgebaut.