Paristanbul, Helgolandshut, Cuxhavenedig, Potsdamsterdam – potztausend!, Sie kennen die lustigen Briefkastenaufkleber nicht? Das mag daran liegen, dass die Post in ihrer Rationalisierungseuphorie nicht allzu viele Briefkästen übrig gelassen hat, auf den wenigen aber gefällt sie sich in der Rolle des internationalen Netzwerkers. "Ein Brief verbindet" Städte und Menschen, eine Werbekampagne alle Wunden. Vergessen sind die ästhetischen Verletzungen früherer Kampagnen nach dem Motto "Schreib mal wieder!" oder der Aktion "Einwurf für Deutschland".

Ausgebrütet hat die Idee mit den Kombistädten Paristanbul oder Cuxhavenedig die Werbeagentur Jung von Matt. Das Unternehmen hat auch schon die Brüder Gottschalk für die Post auf der Welt herumspazieren lassen, als seien sie in Legoland. Neuerlich designte Jung von Matt für Deutsche Post World Net den Etikettenwechsel der Logistik-Marken Euro Express und Danzas zur international bekannteren Marke DHL – nach Expertenmeinung der teuerste Markenrelaunch in der internationalen Postgeschichte. 125 Millionen Euro teuer war die weltweite Werbekampagne. Die von Lohndumping und Rationalisierung gequälten Postler verstehen die Welt nicht mehr.

Im Grunde genommen jedoch lässt das neue internationale Erscheinungsbild eine notwendige Rückbesinnung erkennen und genau das Gegenteil von Großmanns- und Verschwendungssucht. Hegel, der Philosoph, hätte von einem "Rückgang in den Grund" gesprochen. Zeitgemäß formuliert: Die Post besinnt sich auf ihr historisches und geopolitisches Kerngeschäft, nämlich auf die seit dem Abgang der Kutschen etwas aus dem Blick geratene Aufgabe, Menschen, Völker und Sehenswürdigkeiten – Cuxhaven und Venedig – miteinander zu verbinden. Dem Unternehmen geht es dabei nicht nur um ein paar Briefe und Päckchen, sondern um nichts weniger als die Rückkehr als Global Player auf einen umkämpften Reisemarkt und um den noch flexibleren und vielseitigeren Einsatz seiner Mitarbeiter.

Wir jedenfalls sind restlos begeistert von den neuen Reisezielen und der überfälligen Idee, die Briefzusteller künftig auch als Reiseführer einzusetzen und dem Besucher abseits der ausgetretenen Wege des Massentourismus eine Vielzahl zwischenmenschlicher Begegnungen zu ermöglichen und unverstellte Einblicke in Dielen, Küchen und Kontore der autochthonen Bevölkerung. Nie waren Bildungsreisen so einfach und so informativ. Es genügt, einfach nur den Möpsen (mops = mobiler Postservice) hinterherzulaufen. Wir haben uns für Cuxhavenedig und dort für den Posthauptsekretär Frank Weiland, 55 Jahre, und Massimiliano Casciello, 33 Jahre, entschieden und gleich die nötigen Informationen eingeholt.

Cuxhaven – Nordseebad und nördlicher Teil von Cuxhavenedig – kann auf zehn Kilometer Strand, ein indisch-griechische Mischkost reichendes Restaurant namens Rialto und auf über drei Millionen Übernachtungen im Jahr verweisen. Ein schmucker Platz ist nach dem Naturwissenschaftler, Philosophen und Briefeschreiber Georg Christoph Lichtenberg (1742 bis 1799) benannt. 1600 Lettres soll er verfasst haben. Außerdem gilt er als der Gründervater des Bäderbetriebs und der Cux-Kur, die gegen Frauenleiden, Akne und anderes helfen soll. Cuxhaven besitzt derzeit 64 Briefkästen. Wie an Ort und Stelle persönlich überprüft, trägt nicht einer von ihnen den Aufkleber Cuxhavenedig, was die zuständige Pressestelle der Deutschen Post in Bremen allerdings bestreitet.

Venedig – der südliche Teil von Cuxhavenedig – schmückt sich mit dem Titel "Serenissima", meldet ebenfalls jährlich drei Millionen Übernachtungen, ordentlich versteuert, versteht sich, plus zehn Millionen Tagesgäste. Bei uns ist dieser Teil des Reiseziels spätestens seit dem Film mit Bruno Ganz bekannt geworden, der auf einer der insgesamt 118Inseln seine Wiedergeburt bei Brot und Tulpen feierte. Über insgesamt 448 Brücken muss man gehen, will man die Lagunenstadt von der Größe des Bodensees in ihrer Gänze abschreiten, über die Zahl der hier befindlichen Briefkästen war keine Auskunft zu erhalten. Und auf den wenigen, die der Posttourist sah, fehlten die Hinweise auf den Nordseepartner. Dafür waren sie weinrot statt sonnenblumengelb und nicht selten mit sachfremden Kaugummiaufklebern verunziert.

Unsere Reiseführer tun in den äußersten Außenbezirken, in den Outbacks von Cuxhavenedig, Dienst, Weiland auf der zweieinhalb Schiffsstunden vor der Elbmündung gelegenen Insel Neuwerk, Casciello auf dem Archipel von Torcello, das mit dem Vaporetto in 45 Minuten zu erreichen ist.

Beide Eilande werden von insgesamt rund drei Dutzend Menschen bewohnt. Neuwerk misst rund drei Quadratkilometer, Torcello nicht einmal einen. Umgerechnet pro Kopf, besteht eine hohe Briefkastendichte. In Torcello findet sich der Kasten bei der Locanda neben der Teufelsbrücke. Die Neuwerker werfen ihre Briefe in der Nähe der Inselschule ein oder beim großen Turm. Einen dritten Briefkasten hat Herr Weiland unlängst eigenhändig liquidieren müssen.